Politik : Tiefe Genugtuung

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Mein Informant war ein kleiner Schwarzweißfernseher, der zwei Programme empfing: ORF1 und ORF2. Ich hatte eine kleine Einzimmerwohnung in Wien, im 18. Bezirk, wo ich damals als Publizist arbeitete und lebte. Ich saß alleine vor dem Fernseher, es lief die NachrichtenSendung „Zeit im Bild“, als das Programm für einen Eilbericht über die Entwicklung in Berlin unterbrochen wurde. Ich war seit langem überzeugt gewesen, dass die Mauer fallen würde. Und für mich war klar, dass das gleichzeitig das sichere Ende der DDR bedeuten würde – eines Staates, der sich über die Mauer definierte. Trotzdem war ich überrascht, wie plötzlich das Ende kam.

Obwohl ich an diesem Abend unsicher war, wie Moskau reagieren würde, ob Panzer gegen die Demonstranten auffahren würden, empfand ich eine tiefe Genugtuung. Ich habe immer eine große Freude daran, wenn Herrscher gedemütigt werden. Aber an diesem Abend war sie besonders ausgiebig. Für mich persönlich – als ungarischer Autor, der aus der DDR ausgewiesen worden war. Und für gute Freunde, die zum großen Teil in der Opposition oder Künstler in der DDR waren. Ich habe versucht, sie anzurufen, aber es war unmöglich. Den ganzen Abend waren die Leitungen besetzt. Oder es war niemand zu Hause. Am nächsten Tag sprach ich mit Heiner Müller, und wahrscheinlich war das eindrucksvollste persönlichste Ereignis, das ich mit dem 9. November verbinde: zu erleben wie Heiner Müller, jenseits seiner olympischen Ruhe, sehr, sehr aufgeregt war. Fotos: privat, pa-akg

György Dalos, Schriftsteller und Publizist. Lebt heute nicht mehr in Wien und Budapest, sondern in Berlin und Budapest.

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