Politik : Tiefe Gräben

In den USA hat der Frankreich-Spott Hochkonjunktur, und in Paris wächst der Anti-Amerikanismus

Sabine Heimgärtner[Paris],Albrecht Meier

„Es leben die Schwächlinge!“ So lautet das Urteil der amerikanischen Boulevardzeitung „New York Post“, deren Redakteure ihrem Unmut über die mangelnde französische Gefolgschaft in der Irak-Krise Luft machen. Während sich Frankreichs Präsident Jacques Chirac und Bundeskanzler Gerhard Schröder zu Beginn der Woche über die Details einer gemeinsamen Erklärung in der Irak-Frage verständigten, erinnerte das Blatt aus New York am Montag an die Tausenden US-Soldaten, die 1944 bei der Invasion der Alliierten in der Normandie ihr Leben ließen: „Sie starben für Frankreich, aber Frankreich hat es vergessen.“ Das britische Boulevardblatt „Daily Mail“ machte prompt am Dienstag ebenfalls mit einem Bild der Invasion und der Schlagzeile „Monströse Undankbarkeit“ auf – und kritisierte Frankreich, das gemeinsam mit Deutschland und Belgien zuvor in der Nato Planungen zum Schutz des Bündnispartners Türkei blockiert hatte.

Aber vor allem in den USA müssen die Franzosen jetzt häufig als Prügelknaben herhalten. Vor der entscheidenden Sitzung des UN-Sicherheitsrats am Freitag veröffentlichte die „New York Times“ ein „Lexikon der Frankophobie“. Der TV-Sender Fox, der wie das Boulevardblatt „New York Post“ zum Imperium des Medienzaren Rupert Murdoch gehört, rief die Zuschauer dazu auf, Schmähungen an die Adresse der französischen Botschaft in Washington zu schicken. 1100 Zuschauer kamen der Aufforderung nach.

Umgekehrt nimmt aber auch in Frankreich der Anti-Amerikanismus zu. Nach einer am Dienstag in der Zeitung „Le Figaro“ veröffentlichten Umfrage sind 73 Prozent der Franzosen der Auffassung, dass Paris im UN-Sicherheitsrat gegen eine mögliche zweite Resolution für eine Militäraktion ein Veto einlegen soll. Frankreichs Medien loben eine starke „Antikriegsachse" zwischen Paris, Berlin und Moskau, die während des Besuchs des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Paris zu Stande kam. Selten hatte der wegen seiner diplomatischen Jongleur-Talente berüchtigte Staatschef Chirac so viel Anerkennung von allen Seiten bekommen. Die linke Opposition unterstützt ohne jegliche Kritik seinen Kurs, fast euphorische Zustimmung kommt selbst aus dem ungeliebten Lager der Rechtsextremisten von Jean Marie Le Pen, und das Wahlvolk verteilt ausnahmslos sehr gute Noten.

Die Einführung von US-Strafsteuern gegen französische Käse- und Trüffelspezialitäten und der Wildwuchs von McDonald’s-Filialen in ihrem Land brachten die Franzosen, ohnehin nie sonderlich amerikafreundlich, in den letzten Jahren zusätzlich gegen die USA auf. Genüsslich nutzen die Zeitungen nun täglich die Äußerung des amerikanischen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld vom „alten Europa". Die Zeitung „Le Parisien" druckte beispielsweise eine Karikatur von US-Spitzenpolitikern, die sich anschicken, dem „alten Europa" den Krieg zu erklären, „um Saddam Hussein zu beweisen, dass wir es ernst meinen."

Bei den Franzosen sitzen die Zweifel an den USA tief. Fast 70 Prozent sind der Meinung, der neueste Dauerzwist zwischen Frankreich und den USA sei „eine gute Sache, um Frankreichs internationale Position weltweit zu stärken." Nur 14 Prozent der Befragten beurteilten die „Beweise" von US-Außenminister Colin Powell vor dem Sicherheitsrat als „überzeugend".

Viele Franzosen bereiten sich bereits jetzt auf eine der größten Antikriegsdemonstrationen im Land an diesem Wochenende vor. Vereinzelt zeigen Plakate, wie man den transatlantischen Partner einschätzt: Ein Foto von Bush, SS-Helm auf dem Kopf. „Festnehmen", lautet der Text, und: „Der Mann ist gefährlich". Der Direktor des renommierten Umfrage-Instituts BVA, Gael Sliman, kommt zu dem Fazit: „Chirac und die französische Regierung sind in ihrer anti-amerikanischen Haltung in puncto Irak so weit gegangen, dass eine Änderung dieses Kurses ohne gewaltige Popularitätsverluste nicht mehr möglich ist."

Zähneknirschen und eine Gänsehaut bereitet der neue anti-amerikanische Kurs von Frankreichs Regierung bislang offenbar nur politischen Analytikern und etlichen Intellektuellen. „Frankreich geht immense Risiken ein und wird aus dieser Krise eventuell äußerst geschwächt hervorgehen", erklärte François Heisbourg, Direktor des Rates für strategische Recherchen der Zeitung „Le Parisien".

Auch andere Experten äußern die Befürchtung, Frankreich könnte sich mit seinem Kurs gegen Washington international auf Jahre isolieren und seine bislang partnerschaftlichen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten nachhaltig beschädigen – bis hin zu der Gefahr, Paris könne sich eines Tages dem Vorwurf ausgesetzt sehen, mit seiner Anti-Haltung die Autorität internationaler Institutionen wie der UN und der Nato beschädigt zu haben. „Die USA werden sich von Frankreich immer verraten fühlen und eines Tages behaupten, dass Paris den Irak den USA vorzieht, Saddam Hussein George W. Bush und die arabische Welt Israel", erklärte Alain Besancon vom französischen Institut für Diplomatie und Verteidigung der Zeitung „Figaro".

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