Tierhaltung : Fressen und gefressen werden

11.01.2012 00:00 UhrVon Christine Keck
Mast und Masse. Bauer Eickhoff(re.) vor seinem "gläsernen Betrieb". Foto: Christine Keck
Mast und Masse. Bauer Eickhoff(re.) vor seinem "gläsernen Betrieb". - Foto: Christine Keck

Die vollautomatische Turbomast ist die Zukunft, glaubte der niedersächsische Landwirt Eickhoff und industrialisierte seine Ställe. Doch seitdem ist nichts mehr wie früher. Ein Hähnchenkrieg hat begonnen. Gläsern geht es jetzt zu. Jeder kann gucken. Aber reicht das?

Kaum sichtbar hebt und senkt sich die Brust des Federknäuels. Die Flügel ausgebreitet, liegt es bäuchlings in der Streu, zu schwach zum Stehen, zu schwach zum Fressen. „Ein Kümmerer, der nicht richtig wächst“, sagt Landwirt Malte Eickhoff und bückt sich nach dem Küken. „Das wäre Tierquälerei, würde man das Kleine verhungern lassen.“ Ein Schlag auf den Kopf an der Futterschiene betäubt den Winzling, ein fester Druck mit dem Daumen, und das Genick ist gebrochen. Vier Tage alt wurde das Hühnchen. Im Plastikeimer zuckt es noch eine Weile.

Von „glücklichen Hühnern“ spricht Eickhoff und blickt auf den beweglichen Flauschteppich, der seinen Gummischuhen Platz macht.

36.000 Küken in einem Stall so groß wie sechs Tennisplätze, das meiste Gedrängel gibt es an den Rändern, wo Gaskanonen die Luft auf 34 Grad erwärmen. Die Küken halten die Heizung für ihre Mutter. Das Gebrumme war das Erste, was sie gehört haben.

Im Hightechstall zieht der Computer die Züchtung Ross 708 auf, in 40 Tagen auf 2,5 Kilo. Alles ist programmiert, der Rechner regelt die Kraftfuttergabe, fährt die Jalousien hoch, ruft den Bauern per Handy an, wenn die Küken zu wenig trinken. Dann drückt Malte Eickhoff ein paar Knöpfe. Der Tod ist der einzig verbliebene Störfaktor in der durchgetakteten Aufzucht. Das Einsammeln der kranken und verendeten Tiere nimmt dem Bauern keiner ab, zweimal am Tag macht er seine Runde mit dem Eimer. „Selektion“ nennt er das und sagt, dass seine „Verlusterate“ rund zwei Prozent betrage.

Die vollautomatische Turbomast ist die Zukunft, glaubt Eickhoff, Bauer in fünfter Generation. Er wird eines Tages den Hof von seinem Vater übernehmen. Die Mastschweine, die Rinder, die 3000 Legehennen, den Hofladen, wo selbst gemachtes Johannisbeergelee und Blutwurst verkauft werden. Ein mittelständischer Familienbetrieb im niedersächsischen Sprötze, eine halbe Stunde südlich von Hamburg. Doch manchmal kommen dem 24-Jährigen Zweifel. Seit er sich für den Megastall entschieden hat, ist nichts mehr wie früher. Ein Hähnchenkrieg hat begonnen. Ein Kampf, wie er erbitterter kaum geführt werden könnte. Es geht um artgerechte Tierhaltung, um Gesundheitsschäden, um den brasilianischen Regenwald, der Sojafeldern für die Futterproduktion weichen muss, und um viel Geld.

Jeder kämpft mit seinen Waffen. Die Tierschützer mit Fotos von Masthähnchen, die Geschwüre oder zerpicktes Gefieder zeigen, und sie berufen sich auf eine Studie von Jörg Hartung, Professor an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, der das Leid präzise beschreibt: Mehr als die Hälfte der Hühner hätten entzündete Fußballen, Blutergüsse oder Kratzspuren. Zudem hat der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) von antibiotikaresistenten Keimen in Hühnchenfleisch aus Supermärkten berichtet. Ein aktuelles Gutachten des Verbraucherministeriums Nordrhein-Westfalen belegt eine 96-prozentige Antibiotikabelastung der Hähnchenbestände – und schockierte damit den grünen Minister Johannes Remmel. „Das Ergebnis verursacht bei mir eine dauerhafte Übelkeit“, sagte Remmel nach der Vorstellung des Gutachtens und forderte eine zentrale Datenbank zum Arzneimitteleinsatz, wie es sie bei Schweinen und Rindern schon gibt. Er erhält Rückendeckung von der Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner, die Änderungen des Arzneimittelgesetzes am Dienstag dem Ministerium vorstellte. Der Einsatz der Medikamente soll deutlich erschwert werden.

Franz-Josef Rothkötter will in Wietze die größte Schlachtfabrik Europas betreiben. Foto: dpa
Franz-Josef Rothkötter will in Wietze die größte Schlachtfabrik Europas betreiben. - Foto: dpa

Der deutsche Hähnchenkönig Franz-Josef Rothkötter ist einer der Hauptakteure in diesem Krieg. Der Unternehmer, der sich bereits ein Viertel des deutschen Geflügelmarktes gesichert hat, will im niedersächsischen Wietze Europas größte Schlachtfabrik betreiben. Im August rollten in der Kleinstadt im Landkreis Celle die Lastwagen an: 100.000 Masthühner werden dort täglich betäubt, aufgeschlitzt, gebrüht, gerupft, am Fließband zerlegt und verpackt. Auf 430.000 soll eines Tages aufgestockt werden.

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