Politik : Tierseuchen: Auch Tony Blair wünscht sich eine Agrarwende

Matthias Thibaut

Der britische Premierminister Tony Blair hat eine Wende zu einer "nachhaltigen Landwirtschaft" angekündigt. "Die Fragen, die wir uns stellen müssen, haben mit der Art von landwirtschaftlicher Produktion zu tun, die wir unterstützen wollen. Ob wir intensive Landwirtschaft wollen oder nicht", sagte Blair bei einer Diskussion mit Bauern in Hartpury (Gloucestershire). "Ich kenne die Antwort auf diese Fragen nicht, aber wir bieten Partnerschaft bei dem Versuch an, solche Antworten zu erhalten."

Doch vorerst ist die Regierung vollauf mit dem Krisenmanagement nach dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche (MKS) beschäftigt. Und damit kann die Regierung bei der Landbevölkeung durchaus punkten. Das war nicht immer so. Bei Bauern und der Landbevölkerung hat die Labour-Partei seit je den Ruf, Sachwalterin urban-städtischer Interessen zu sein. Doch nun hat die "Countryside Alliance" ihre für Mitte März geplante Großdemonstration gegen Labours Vernachlässigung der Landwirtschaft nicht nur wegen der Seuchenangst abgeblasen.

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"Wenn die unmittelbaren Probleme gelöst sind, müssen wir uns an den Tisch setzen und das auf langfristiger Basis in den Griff bekommen", sagte Blair. Der Vorsitzende der Countryside Alliance, Richard Burge, hatte zuvor einen "Marshall-Plan" für die Landwirtschaft und ein grundsätzliches Umdenken gefordert. "Wir brauchen einen grundlegenden Wandel bei der Produktion sowie bei Vertrieb und Vermarktung unserer Lebensmittel".

Blair machte deutlich, dass nach der akuten Krisenbekämpfung auch die weitergehende Strukturreform in der Landwirtschaft wieder auf der Labour-Tagesordnung stehen wird. Er selbst hob im Parlament die Rolle der Bauern als "Hüter der Landschaft" hervor und sprach von einer umweltgerechten Landwirtschaft. Großbritanniens seit jeher skeptische Einstellung zur Agrarpolitik der Europäischen Union wird durch die Krise erneut bestärkt. Der Staatsminister im Landwirtschaftsministerium, Elliot Morley, sagte, der gemeinsame Agrarmarkt stamme aus der Nachkriegszeit mit ihrer Lebensmittelknappheit. "Nun muss auch die Qualität, nicht nur die Quantität eine Rolle spielen."

Aber noch ist Labour zwischen den Wunschzielen einer grünen Landwirtschaft und einer effizienten, am Weltmarkt wettbewerbsfähigen Agroindustrie hin- und hergerissen. "Wir alle wollen billigere Lebensmittel, aber die Supermärkte haben euch Bauern im Augenblick ziemlich im Schwitzkasten", analysierte Blair vor den aufgebrachten Landwirten. Damit schien er die Kernthese der aktuellen britischen Debatte zu akzeptieren, die der Übermacht der Supermärkte die Schuld an der Krise mit in die Schuhe schiebt. Sie üben nicht nur Druck auf die Erzeugerpreise, sondern den gesamten Produktionsprozess aus. Nicht nur EU-Vorschriften, sondern das Interesse der Supermarktgiganten hat die Zahl der Schlachthöfe im Land so drastisch reduziert. So wird ein Großteil der britischen Schweine in dem Schlachthof in Essex verarbeitet, in dem nun der erste MKS-Fall entdeckt wurde.

"Die Balance zwischen Bauern und Supermärkten stimmt nicht, nicht nur in Großbritannien, in ganz Europa", argumentiert der britische Bauernführer Ben Gill. Doch die Bauern denken dabei auch an die Millionenspenden der Supermarktkette Sainsburys für die Labourpartei und den Ministerposten von Lord Sainsbury in der Labour-Regierung. Und der Mann, der als Vorsitzender der "Task Force für bessere Vorschriften" für die Regulierung der Schlachthöfe verantwortlich ist, Lord Haskins, ist im Hauptberuf Chairman des Molkereigiganten Northern Foods and Express Dairies.

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