Politik : Tineiola bissellialla

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Wollt ihr wohl – verdammte Flatterviecher! Raus aus meinen Socken! Berlin – warte, ich krieg’ dich! Ha! – also, Berlin ist die Hauptstadt der Gemeinen Kleidermotte (Tineiola bissellialla). Die geflügelten Ungetiere werden im Altbau-Bestand von Generation zu Generation weitervererbt. Gewiss, man kann zur Abwehr größerer Invasionen Papierstreifen in seine Schränke hängen, die mit irgendwelchem Teufelszeug getränkt sind; man kann, wenn man dem Zeug in den Papierstreifen misstraut, größere Mengen Zedernholz zwischen den Schlipsen verteilen. Aber das hält die Plage nur nieder. Ein Jahr Nachlässigkeit, und am Ende des Sommers sieht der ererbte Kaninchenpelz der Gnädigen so aus, als hätte der Jagdhund damit Apportieren geübt. Immerhin sind die Papierstreifen und Zedernhölzer ein Fortschritt. Beide riechen nur mäßig. Früher hingegen gab es das Mottenpulver, das um ältere Tanten herum eine unverwechselbare Aura verbreitete. Aus jenen Tagen stammt die Formel vom „Griff in die Mottenkiste“. Das war die Kiste, in der die Klamotten lagen, die aus der Mode gekommen waren, die die damaligen Generationen aber – sparsam, wie sie waren, und überdies erfahren im Kreislauf der immer wiederkehrenden Moden – sorgsam gepulvert eingemottet hatten. Lange, lange haben wir von dieser Kiste nichts mehr gehört. Und jetzt gleich zwei Mal kurz hintereinander! „Grüner Griff in die Mottenkiste“ überschreibt Rainer Brüderle von der FDP eine Pressemitteilung, „BDI und FDP machen Vorschläge aus der Mottenkiste“ titelt sein SPD-Kollege Klaus Brandner. Die Häufung spricht für Lebenserfahrung. Im Frühling verteilt der Berliner Altbau-Mieter nun mal frisches Mottenpapier zwischen den Anzügen.

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