Tissy Bruns : Die Getriebenen

Politiker – Journalisten – Eitelkeiten. Eine Betrachtung von Tissy Bruns.

Tissy Bruns

Berlin-Mitte ist zu einer Bühne von Politik und Medien geworden, die von der Lebenswirklichkeit der Bürger weiter entfernt ist als das legendäre Raumschiff Bonn. Hier regieren, opponieren, debattieren Politiker, wie es ihres Amtes ist. Es recherchieren, berichten, kommentieren Journalisten, Redaktionen, Sender, wie es die Aufgabe der Vierten Gewalt im Staate ist, die Öffentlichkeit schaffen und Kontrolle über die Mächtigen ausüben soll. Die Politiker sind dem Gemeinwohl verpflichtet, dessen Nutzen sie mehren sollen, und zwar durch Entscheidungen, die schwer zu treffen sind, weil sie Zeit, Augenmaß, Überzeugungen und Kompromisse erfordern. Die Journalisten können sich berufen auf das Grundgesetz, das im Artikel 5 die Pressefreiheit garantiert. Ihr eigener Kodex, ihr Berufsethos verpflichtet sie der Wahrheit. Wer sich als Journalist mit Politik beschäftigt, berichtet aus einer Welt, die komplex und voller Widersprüche ist. Journalisten sind verantwortlich für das Bild, das sich die Bürger über diese Wirklichkeit machen. Es soll differenziert, nüchtern und sachlich sein, um das Urteilsvermögen der Bürger zu stärken.
Das alles versuchen in Berlin-Mitte Politiker und Journalisten – und scheitern daran täglich. Zwischen Alex und Siegessäule, Potsdamer Platz und Spreebogen hat sich eine politisch-mediale Welt etabliert, deren Akteure sich ähnlich geworden sind und sich deshalb umso misstrauischer belauern. Manchmal geraten Journalisten in eine Tonlage, die sie noch mehr zu Populisten macht als die Politiker, die auf ihre Wähler achten müssen. Oft passen sich Politiker einem in der Öffentlichkeit vorgegebenen Tempo an, das ihre Sache nicht verträgt, aus persönlicher Eitelkeit oder nur zum Schein, um die öffentliche Maschinerie zu beschäftigen. (...)
Helmut Kohl war der letzte Kanzler, der in der Machtfülle seiner letzten Amtsjahre noch verdrängen konnte, dass seit 1989 eine entgrenzte, globalisierte Ökonomie der nationalen Politik den Rahmen vorgibt und ihr Gestaltungskraft nimmt. Gerhard Schröder war der erste Kanzler der eingeschränkten Möglichkeiten; nicht anders geht es Angela Merkel, so sehr sie sich sonst von ihrem Vorgänger unterscheiden mag. Und beide verbindet ein Weiteres: Sie agieren in einer veränderten Medienwelt. Das ist eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten, der neuen Versuchungen für die politischen und medialen Akteure. Sie erst hat Berlin-Mitte ins Bühnenlicht gestellt, macht Journalisten zu Prominenten, verschafft Politikern öffentliche Allgegenwart – und beiden die Möglichkeit, sich hinwegzutäuschen über den Bedeutungsverlust, den Politiker in der globalisierten Welt und politische Journalisten in der digitalisierten erlitten haben.
In Wahrheit sind Politiker und Journalisten Getriebene einer Medienentwicklung, deren Zwänge wie nie zuvor und auf allen Ebenen die Kommunikation und Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten bestimmen und durchdringen.

Der Text stammt aus dem ersten Kapitel von Tissy Bruns’ Buch „Republik der Wichtigtuer“, das beim Herder Verlag erschienen ist.

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