Politik : Tod in Riad

Tausende Sicherheitskräfte machten Jagd auf den saudischen Al-Qaida-Chef

Frank Jansen

Sie sind wahrscheinlich nur um Stunden zu spät gekommen. Am Freitagabend haben saudische Sicherheitskräfte nach eigenen Angaben in Riad den regionalen Chef der Al Qaida, Abdulasis al Mukrin, erschossen. Kurz zuvor hatte sich Mukrin zum Mord an dem entführten Amerikaner Paul Johnson bekannt. Im Internet brüstete er sich am Freitag auf einer islamistischen Website, er habe Johnson getötet. 15 000 Polizisten, Soldaten und Geheimdienstler hatten das Versteck der Entführer gesucht, mehrere Häuser wurden gestürmt. Am Abend fand die saudische Polizei den enthaupteten Ingenieur in Riad. Ein Passant hatte beobachtet, wie die Leiche aus einem Auto geworfen wurde. Die Sicherheitskräfte verfolgten den Wagen. An einer Tankstelle im Stadtviertel Al Mals kam es zur Schießerei.

Fünf Polizisten starben – und die vier Insassen des Wagens. Einer soll Abdulasis al Mukrin sein. Die Saudis machen den 31-Jährigen für die jüngste Serie schwerer Anschläge auf Ausländer verantwortlich. Al Qaida dementierte im Internet den Tod des Anführers der Terrorfiliale, doch die Sicherheitskräfte präsentierten als Beweis die vier Leichen im Fernsehen. Unter den Toten soll sich auch Rakan Muhsin Mohammed al Saykhan befinden, mutmaßlicher Drahtzieher des Anschlags auf das Kriegsschiff „USS Cole“ im Oktober 2000 im Hafen der jemenitischen Hauptstadt Aden. Bei dem Selbstmordattentat mit einem Boot voller Sprengstoff starben 17 amerikanische Seeleute. Sollten die saudischen Behörden nun tatsächlich die meistgesuchten Terroristen im Königreich ausgeschaltet haben, hätten sie Al Qaida einen schweren Schlag versetzt. Aber zu spät, um Paul Johnson zu retten.

Der Tod des vor einer Woche in Riad entführten Ingenieurs des Konzerns Lockheed Martin rief weltweit Entsetzen hervor. US-Präsident George W. Bush sagte, die Enthauptung Johnsons zeige, „welch teuflischer Natur“ der Feind sei. Von einem barbarischen Akt sprach der britische Premier Tony Blair. Jordaniens König Abdullah II., dessen Land kürzlich nur knapp einem verheerenden Anschlag entging, verurteilte den Mord als Verbrechen, das „allen islamischen Lehren und menschlichen Werten“ zuwiderlaufe.

Unklar bleibt, ob mit dem mutmaßlichen Tod von Abdulasis al Mukrin die Al-Qaida-Offensive in Saudi-Arabien gestoppt ist. Ende Mai hatte Mukrin im Internet zum Guerilla-Krieg aufgerufen. Mit dem Ziel, die Ausländer zu vertreiben, vor allem die Experten in der Ölindustrie des Königsreichs. Al Qaida will, das hat der aus Saudi-Arabien stammende Osama bin Laden mehrmals verkündet, die Monarchie stürzen und im „Land der zwei Heiligen Stätten“ (Mekka und Medina) einen Gottesstaat errichten. Mukrin erschien da als der passende Mann. Der Saudi gilt als Veteran des Heiligen Krieges. Er war Ausbilder in Afghanistan und soll in Bosnien, Jemen, Somalia und Äthiopien militante Islamisten unterstützt oder sogar an ihrer Seite gekämpft haben. Die Saudis haben ihn offenbar unterschätzt: Zwei Jahre war Mukrin in Haft, dann wurde er 2001 entlassen – wegen guter Führung. Mukrin hatte angeblich den Koran auswendig gelernt.

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