Tod Kaczynskis : Moskau: Druck auf Piloten führte zu Absturz in Smolensk

Enormer Druck auf die Besatzung sowie Pilotenfehler sind laut russischer Auffassung am Absturz der polnischen Präsidentenmaschine in Smolensk im April 2010 schuld.

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Warschau - Dies hält ein am Mittwoch in Moskau vorgestellter Abschlussbericht der russischen „Zwischenstaatlichen Luftfahrtkommission“ (MAK) fest. Der Entscheid, trotz dichten Nebels nicht auf einen Ersatzflughafen auszuweichen, trotz mangelnder Sicht mit der Landung zu beginnen und Warnungen der eigenen Bordgeräte zu ignorieren, habe unmittelbar zum Absturz geführt, sagte MAK-Chefin Tatjana Anodina.

Das Publikationsdatum des 210-seitigen Abschlussberichtes war von den Russen so gewählt worden, dass sowohl Polens Premierminister Donald Tusk wie der polnische Vertreter bei der MAK, Edmund Klich, im Winterurlaub weilten. Noch am Mittag kehrte Tusk überstürzt aus den Dolomiten heim; auch Klich brach seinen Urlaub ab. Beide hatten eine erste Version des Abschlussberichts im Oktober kritisiert. Erst Mitte Dezember hatte Polen 150 Seiten Änderungen und Zusätze nach Moskau geschickt. Diese seien zu rund 20 Prozent berücksichtigt worden, war nun in Moskau zu vernehmen. Von polnischer Seite wird vor allem bemängelt, dass die Arbeit des Towers sowie die technischen Mängel des Smolensker Flughafens „Sewernij“ im Bericht nicht erwähnt werden.

„Da spricht Radio Eriwan“, sagte Polens Oppositionschef Jaroslaw Kaczynski, Zwillingsbruder des bei dem Absturz zusammen mit 95 Mitreisenden umgekommenen Staatspräsidenten. „Jeder, der Russland kennt, wusste, dass der Bericht so aussehen wird“, sagte er kurz nach der Moskauer Präsentation. Kaczynski stört sich vor allem daran, dass die ganze Schuld auf Polen geschoben wird. In der Tat wird in dem russischen Bericht festgehalten, dass der technische Stand des Flughafens keinen Einfluss auf den Unglücksverlauf hatte. Auch sei kein Druck auf Lotsen und Tower-Mitarbeiter ausgeübt worden. Zuvor war in Polens Presse spekuliert worden, diese hätten die Landung auf Geheiß von Moskau erlaubt – aus Angst vor einem internationalen Skandal. Der Bericht hält nun fest, da es sich um einen Zivilflug gehandelt habe, sei allein die Mannschaft für den Landeversuch verantwortlich gewesen.

Vor allem in der Endphase des Fluges befanden sich der Chef des diplomatischen Protokolls und der Luftwaffenchef, General Andrej Blasik, zeitweise im Cockpit. „Die Gegenwart hoher Entscheidungsträger übte Druck auf die Piloten aus“, sagte Anodina. Dazu kommt, dass bei Blasik 0,6 Promille Alkohol im Blut festgestellt wurden. Dass dies die Absturzursache sei, steht allerdings nirgends in dem Bericht.

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