Politik : Tod zwischen Büromöbeln

Martin Alioth

Irlands Politiker und Geistliche diskutieren jetzt grundsätzlich über den Umgang des Landes mit Flüchtlingen und Asylsuchenden. Die bange Selbstbefragung folgte der grässlichen Entdeckung, die ein irischer Fernfahrer am Samstagmorgen in einem mit kanadischen Büromöbeln aus Italien beladenen Frachtcontainer gemacht hatte: Vier Männer, eine Frau und drei kleine Kinder konnten nur noch tot geborgen werden, vier weitere Männer und eine Frau kämpfen im Krankenhaus von Wexford um ihr Leben. Ärzte stellten Sauerstoffmangel und Unterkühlung an den Überlebenden fest. Einer von ihnen war in der Lage, mit einem türkischen Dolmetscher zu sprechen, bei anderen wird eine albanische Herkunft vermutet.

Der Container verließ Mailand am 30. November auf dem Schienenweg. In Köln wurde die Fracht auf die Straße umgeladen, und am letzten Dienstag, am 4. Dezember, erreichte der Container den belgischen Fährhafen Zeebrügge. Es steht aber keineswegs fest, wo die 13 Flüchtlinge in den Möbelcontainer eindrangen. Der Container stand bis Samstag früh im Hafen von Waterford, dann wurden die Büromöbel an ihren Bestimmungsort in einer Industriesiedlung außerhalb des nahegelegenen Städtchens Wexford gefahren; dort hörte der Fahrer die Geräusche der Sterbenden.

Der örtliche katholische Bischof, Brendan Comiskey, gedachte der unglückseligen Opfer gestern in seiner Sonntagspredigt und forderte die Gläubigen auf, die Asylanten und Flüchtlingen in ihren eigenen Gemeinden neu zu betrachten. "Gesetze werden Menschen nicht fernhalten", sagte er, wenn diese verzweifelt genug seien, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Das neuerdings wohlhabende Irland erwartet in diesem Jahr rund 10 000 Asylgesuche, die Mehrzahl davon aus Nigeria und Rumänien. Doch die Regierung hat dieses Jahr versucht, die Abfertigungsverfahren zu beschleunigen und Irland weniger anziehend zu machen: Gutscheine statt Bargeld sollen Missbrauch verhindern, die Wartenden werden im ländlichen Raum verteilt, und die Abgewiesenen müssen mit rascher Abschiebung rechnen. Doch das Hauptaugenmerk der irischen Regierung richtet sich auf die Schlepper. Sowohl der Justizminister wie auch der Premierminister versprachen enge Zusammenarbeit mit Interpol und europäischen Partnerstaaten, um der Drahtzieher habhaft zu werden. Eine Konsequenz ist seit vergangener Woche versperrt: Die exemplarische Bestrafung von Fernfahrern, die wissentlich oder versehentlich Flüchtlinge transportieren, wurde von einem britischen Gericht für illegal erklärt. Irland hatte geplant, in den nächsten Wochen ein ähnliches Gesetz zu erlassen.

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