Todesstrafe : "Schlimmer kann es nicht werden"

1976 wurde die Todesstrafe in den USA nach einer kurzen Pause wiedereingeführt. Seitdem kämpfen engagierte Bürger um das Leben von Mördern. Und das aus einem einzigen Grund: Jeder hat ein Recht auf Leben. Der Kampf gegen die Todesstrafe ist ein langer und mühsamer Weg. Anlässlich des Tages gegen die Todesstrafe sprach Tagesspiegel.de mit dem amerikanischen Aktivisten und Blogger Jason Zanon.

Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Todesstrafe. Hätten Sie eine Erklärung dafür, warum in einem demokratischen und modernen Land wie den USA noch immer Leute durch den Staat hingerichtet werden?



Viele Menschen haben sich diese Frage schon auf unterschiedliche Art und Weise gestellt. Sie halten die föderale Struktur, die konservative politische Kultur, steigende Gewaltanwendung in unserem Alltag oder das Fehlen einer wirklich schrecklichen Erfahrung wie dem Zweiten Weltkrieg auf unserem Boden für die wesentlichen Gründe. Fakt ist: Die Mehrheit in den USA ist für die Todesstrafe, auch wenn das die Menschen nicht offen zugeben würden. In dieser Zustimmung liegt der Hauptgrund dafür, dass wir die Todesstrafe in den USA noch immer praktizieren. Aber diese Doppelmoral halte ich nicht für eine typisch amerikanische Grundeinstellung gegenüber dem Leben.



Merkwürdig, dass die Menschen das nicht offen zugeben. Denn die beiden aktuellen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama und John McCain bekennen sich ja ganz öffentlich zur Todesstrafe…

Barack Obama ist da eben ganz der Politiker. Er weiß um die – wenn auch verdeckte – positive Haltung der Bürger gegenüber der Todesstrafe. Er kann aus der Todesstrafe im Wahlkampf schließlich kein Rassismusthema machen, nach dem Motto: Es werden mehr Farbige hingerichtet als Weiße. Das würde ihm die notwendigen Wählerstimmen kosten. Wir könnten jetzt alle sehr traurig und enttäuscht darüber sein, aber vielleicht ist die Wahl Obamas zum Präsidenten letztlich doch unsere Chance.

Aber auch, wenn Obama sich für die Todesstrafe ausspricht: Schlimmer, als es jetzt ist, kann es sowieso nicht werden. Mehr als 3000 Verurteilte warten auf ihren Tod. Die übliche Geschichte: Diejenigen, die sich ihre Verteidigung nicht haben leisten können, werden zum Tode verurteilt.

Was sind die Hauptkritikpunkte an der derzeitigen Praxis in den USA?

Die meisten von den Verurteilten sind wirkliche keine unschuldigen Lämmer, keine Frage. Sie haben meist sehr wohl diese schlimmen und grausamen Taten begangen. Aber der Punkt ist, dass tausende von kleinen unsichtbaren Hürden und juristischen Manövern darüber entscheiden, ob letztlich ein Angeklagter auch zum Tode verurteilt wird. Wenn ich Hürden sage, dann meine ich die Fragen nach dem Tatort, nach der Hautfarbe, nach der sozialen Herkunft, nach dem Eigenkapital, nach dem Glück, einen kompetenten Anwalt zu ergattern und natürlich die wichtige Frage, ob die zwölf Juroren im Gerichtsprozess dich als Menschen oder Monster ansehen. Manchmal, sagen die Medien und die Staatsanwälte, handele es sich um wirklich sehr grausame Verbrechen. Manchmal ist es wirklich so. Aber wir kennen auch die Fälle, in den eben diese grausamen Mörder mit dem Leben davon kommen.
Für welche Taten wird denn die Todesstrafe heute noch verhängt?

Grundsätzlich kann ein Täter für einen so genannten Mord mit erschwerenden Umständen zum Tode verurteilt werden. Es handelt sich um Fälle, in denen der Mord zum Mittel einer anderen Tat wurde wie etwa der Raubmord oder ein Banküberfall. Aber auch für besonders grausame und mutwillige Morde kann nach dem Schuldspruch die Todesstrafe verhängt werden. Es ist sehr lange her, dass jemand für etwas anderes als Mord hingerichtet wurde. Diese Fälle gibt es aber auch noch.

Manchmal hört man davon, dass die Verurteilten der Todesstrafe doch noch entgehen konnten…

Ja, das geschieht unter ganz unterschiedlichen Umständen. Einer der Todeskandidaten ging beispielsweise bis zum Verfassungsgerichtshof, dem Supreme Court. Er wurde damals wegen der Vergewaltigung eines Kindes zum Tode verurteilt. Die obersten Richter annullierten seine Todesstrafe tatsächlich in diesem Jahr. Die beiden Präsidentschaftskandidaten McCain und Obama kritisierten diese Entscheidung übrigens.



Ein weiteres prominentes Beispiel ist unser “Taliban Junge” aus Kalifornien. Er wurde im Rahmen des Kampfes gegen den Terror in Afghanistan gefangen genommen. Die Staatsanwälte versuchten, ihm unter Vorwurf des Landesverrats zum Tode verurteilen zu lassen. Tod durch die Spritze. Aus Angst vor dem Tode ließ sich der Junge auf ein Geschäft mit der Staatsanwaltschaft und dem Richter ein: Schuldspruch gegen lebenslänglich.

Was war der größte Erfolg der Anti-Todesstrafenbewegung seit der Wiedereinführung der Todesstrafe 1976?

Das ist wirklich eine gute Frage. Es gibt kein konkretes Ereignis. Für mich ist es die Tatsache, dass sich in den USA eine Bewegung gegen die Todesstrafe entwickelt hat. In den späten Achtzigern und in den Neunzigern befanden wir uns im finstersten Mittelalter. Gegen die Todesstrafe zu kämpfen bedeutete, außerhalb der Gesellschaft zu leben. Die Graswurzelbewegung hat einen öffentlichen Raum geschaffen.

Wer besucht Ihre Seite? Was suchen Ihre Leser?

Oh, da kommen ganz unterschiedliche User. Eine große Zahl an Besuchern eint wohl das perverse Interesse, jeden Tag über einen neuen Tod lesen zu wollen. Aber der Großteil meiner Leser ist ein bunter Mix. Menschen für und gegen die Todesstrafe, einmalige oder regelmäßige Besucher. Leute, die mehr an dem kriminellen Hintergrund oder die Lebensgeschichte des Täters interessiert sind. Oder es interessiert sie, weil sie Gespenstergeschichten mögen. Die User kommen wirklich von überall. Ich betrachte meine Seite als eine winzige Lupe, die auf den Zeitgeist guckt. Das allgemeine Interesse an meiner Seite hängt natürlich auch von der Aufmerksamkeit der Medien und den Befindlichkeiten in der Öffentlichkeit an.

Welche Informationsquellen gibt es im Internet über die Todesstrafe?

Für die Fakten und Statistiken gibt es keine bessere Website als die vom Death Penalty Information Center (deathpenaltyinfo.org). Der Blog Capital Defense Weekly (capitaldefenseweekly.com) geht sehr detailliert auf die Trends und Entwicklungen in den Gerichtssälen ein. Für die Graswurzler unter Euch empfehle ich die Seite der National Coalition to Abolish the Death Penalty (ncadp.org) und die von Amnesty International USA (amnesty.org). Auch für die Befürworter gibt es Seiten, auf die sie klicken können. Die wichtigste Website ist die von Pro Death Penalty (prodeathpenalty.com).

Das Gespräch führte Matthias Lehmphul

Jason Zanon arbeitet bei der Organisation Democracy in Action in Washington, D.C. Sie beraten Graswurzel- organisationen und entwickeln ihre Onlineauftritte. Sie finanzieren sich über private Spenden und Stiftungsgelder. Er schreibt für den Blog der Organisation: democracyinaction.org/blog und führt eine eigene Seite ExecutedToday.com.

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