Todesstrafe : Warum Staaten töten

Weltweit sitzen weit mehr als 17 000 Menschen in Todeszellen. Der US-Amerikaner Delbert Tibbs wurde für ein Verbrechen zum Tode verurteilt, das er nicht begangen hat. Er kämpfte gegen das Urteil, kam frei und erzählt vom Leben auf Abruf.

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Was übrig bleibt. Auf dem Gefängnisfriedhof im texanischen Huntsville werden die Häftlinge begraben, die dort hingerichtet worden sind. Es sei denn, ihre Angehörigen haben die Leichen abgeholt. In Huntsville werden lediglich der Todestag und die Häftlingsnummer auf den Kreuzen festgehalten.Alle Bilder anzeigen
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28.01.2012 18:33Was übrig bleibt. Auf dem Gefängnisfriedhof im texanischen Huntsville werden die Häftlinge begraben, die dort hingerichtet worden...

Ich saß zwei Jahre und zehn Monate im Todestrakt. 24 Stunden am Tag. Eingeschlossen in einer Zelle, 1 Meter 50 auf 2 Meter 10. Jeden zweiten Tag zehn Minuten duschen, zweimal die Woche eine Dreiviertelstunde oder eine Stunde Hofgang allein oder mit anderen. Wenn es nicht regnete und genug Sicherheitsleute da waren. Sonst nichts. Den Rest der Zeit saß ich allein in meiner Zelle.

Nichts verband mich mit der Tat, für die man mich verurteilt hatte. Nicht einmal die Beschreibung, die die junge Frau, das Opfer einer Vergewaltigung, bei der ihr männlicher Begleiter ermordet worden war, gleich nach der Tat in Florida den Polizisten gegeben hatte. Man hatte ihr später ein Foto von mir gezeigt, nachdem ich bei einer Straßenkontrolle angehalten worden war. Danach änderte sie die Beschreibung des Täters. Aus knapp 1,70 Meter groß, dunkle schwarze Haut und ein großer Afro-Look wurde ich: 1,90 groß, helle schwarze Haut und ein kleiner Afro.

Als die Jury mich für schuldig erklärte, befand ich mich in einem Zustand des Schocks. Ich habe es nicht geglaubt. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich mir nicht vorstellen können, dass ich tatsächlich schuldig gesprochen werden könnte. Aber ich hätte nicht geschockt sein sollen. Ich wusste um den Rassismus im Süden. Zu der Zeit, in den 70er Jahren, war dort ein junger Schwarzer, der beschuldigt wurde, eine junge weiße Frau vergewaltigt zu haben, praktisch schon verurteilt, bevor er den Gerichtssaal betreten hatte.

Bis zu dem Zeitpunkt war ich irgendwie entspannt. In den folgenden Stunden habe ich dann aber begriffen: Jetzt muss ich den Kampf aufnehmen. Nicht alle Todeskandidaten, die mit mir den Flur im Florida State Prison teilten, haben gekämpft. Manche haben sich auf die Gerichte verlassen. Manche waren nur verzweifelt und haben aufgegeben. Aber ich wusste nur eines. Ich würde nie akzeptieren, dass sie mir mein Leben nehmen. Ich war unschuldig.

Ich wurde sehr wütend, ich wurde sehr entschlossen. Es war ein Kampf um mein Leben.

Bei der Verhandlung hatte mir der Richter gesagt: Noch gilt das Moratorium. Florida und andere US-Staaten waren gerade auf Anweisung des Supreme Court in Washington dabei, ihre Gesetze zur Todesstrafe so zu verändern, dass sie mit der US-Verfassung im Einklang standen. Und bis das der Fall wäre, wurden keine Todesurteile vollstreckt. Wenn das Moratorium verlängert werde, würde meine Strafe lebenslang sein, sagte der Richter. Andernfalls käme ich in den Todestrakt. Es wurde nicht verlängert.

Delbert Tibbs, heute 74 Jahre, saß von 1974 bis 1977 im Todestrakt in Florida. Erst 1982 wurde er freigesprochen.
Delbert Tibbs, heute 74 Jahre, saß von 1974 bis 1977 im Todestrakt in Florida. Erst 1982 wurde er freigesprochen.Foto: Sofia Moro

Doch ich entkam dem Tod. Der oberste Gerichtshof in Florida entschied im September 1976 mit einem 4:3-Votum, dass gar keine Beweise gegen mich vorlagen. Ich wurde damit nicht für unschuldig erklärt. Das konnte ich erst in einem neuen Prozess 1982 erreichen. Und 1977, im Januar des Jahres wurde ich entlassen, nahm Florida die Exekutionen wieder auf. Andere, mit denen ich den Flur geteilt habe, entkamen nicht.

Am 30.11.1983 starb mein Freund Robert Sullivan durch die Giftspritze. Sogar Papst Johannes Paul II. hatte sich beim Gouverneur für ihn eingesetzt. Aber vergeblich. Wir zwei hatten beim Hofgang Volleyball gespielt. Ich war innerlich zerstört. Mehrere meiner Freunde wurden exekutiert.

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