Politik : Todesstrafe: Was Opfern (nicht) hilft (Kommentar)

Gerhard Mauz

Es ist viel passiert in der vergangenen Woche. In Dessau ist der 39 Jahre alte Mosambikaner Alberto Adriano getötet worden. Seine Ehefrau Angelika bleibt mit drei Kindern, acht und drei Jahre und fünf Monate alt, allein. Von den drei Tätern sind zwei Jugendliche. Der Oberbürgermeister der Stadt legt Wert darauf, dass die Täter nicht aus Dessau kommen, denn er muss sich "schützend vor die Stadt stellen".

In der vergangenen Woche sind eine Polizeibeamtin und zwei Polizeibeamte erschossen worden. Ein Kind hat seine Mutter, zwei Kinder haben ihren Vater verloren. Eine der beiden Witwen ist im vierten Monat schwanger. Der 31 Jahre alte Täter, offenbar seelisch gestört, hat sich selbst erschossen.

In der vergangenen Woche begann auch in Stendal gegen zwei zur Tatzeit 18 Jahre alte Angeklagte, die vor sechs Monaten die 14 Jahre alte Stefanie vergewaltigt, getötet und ihre Leiche mit Benzin übergossen und angezündet haben. Aus der Haft schrieben die Täter Briefe an Stefanies Eltern, in denen sie sich gegenseitig der Anstiftung beschuldigten.

In der vergangenen Woche ist zu viel passiert. Und es wäre gewiss noch mehr anzuführen, was im Schatten dieser Gewalttaten, von Dessau, Dortmund und Stendal, an alltäglicher, schon seit langem nicht mehr wahrgenommer Gewalttätigkeit geschehen ist. Was ist los? Was kann, was muss angesichts der derart hervorbrechenden Bereitschaft zur Gewalt geschehen? In den USA regiert seit Jahrzehnten wieder die Todesstrafe. Wissenschaftliche Untersuchungen haben jetzt belegt, dass in großem Ausmaß Fehlurteile vollstreckt worden sind. Die öffentliche Zustimmung zur Todesstrafe ist irritiert - doch der Kollege Carlos Widmann stellt im "Spiegel" dieser Woche zutreffend fest, dass es nur um "Schminke für die Todesstrafe" geht; um größere Sicherheit dafür, dass Justizmorde ausgeschlossen werden können.

Die Versuchung der Annahme, die Todesstrafe sei ein Weg, schlummert in der Bundesrepublik nur. Als in den Staaten zwei Deutsche hingerichtet wurden, kam es hier zu Lande zu scharfer Kritik an der US-Praxis. Es wurde wieder einmal vorgetragen, dass - erwiesenermaßen - die Todesstrafe niemand von einer Gewalttat abschreckt; dass neuerdings von ihr für manchen sogar die Verlockung ausgeht, endlich einmal im Mittelpunkt zu stehen. Die Leser, Hörer und Zuschauer protestierten: da sehe man einmal wieder, dass den Tätern mehr Aufmerksamkeit zuteil werde als den Opfern.

Aller Anfang ist schwer, nur nicht beim Steinesammeln, sagt ein Sprichwort in Schleswig-Holstein. Die Schritte auf dem Weg gegen die Todesstrafe werden immer schwerer, je länger man unterwegs ist. Die deutsche Justiz hat endlich begriffen, dass sie sich selbst an die Stelle der Opfer gesetzt hatte und dass nicht der Staat und seine Gesetze das eigentliche Tatopfer sind.

Doch zu der Erkenntnis, dass es keine Hilfe für die Familien der Opfer und die schwer versehrt überlebenden Opfer ist, wenn man die "entmenschten" Täter besonders hart bestraft, ist man noch nicht gelangt. Die Täter sind Menschen nur zu sehr.

Und indem man das leugnet, täuscht man sich über den Menschen, über sich selbst. Überwältigende, auslöschende Strafen helfen den von einer Gewalttat Betroffenen nicht, weiter zu leben mit dem Lebenslang, das über sie gekommen ist. Es sage niemand, es werden denen, in deren Leben eine Gewalttat schlug und jenen, die eine schwer versehrt überlebten, genug geholfen. Da fehlt es überall. Da ist auch der "Weiße Ring" erst ein Anlauf.

Die überwältigende, auslöschende Strafe ist auch ein Alibi der Gesellschaft: Wir haben reagiert, unseren Abscheu angemessen ausgedrückt. Wie sie weiterleben - das ist Sache der Betroffenen.

Gerhard Mauz schreibt für den "Spiegel"

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