Politik : Tödliche Mission

In der Türkei wurde ein Priester ermordet – am Montag beginnt der Prozess gegen den 16-jährigen Täter

Susanne Güsten[Istanbul]

„Gott ist groß“ soll der Mörder gerufen haben. Als der italienische Priester Andrea Santoro am 5. Februar nach der Sonntagsmesse in der Kirche Santa Maria im nordosttürkischen Trabzon kniete, wurde er von zwei Pistolenschüssen in den Rücken getroffen. Santoro war sofort tot.

Von diesem Montag an muss sich in Trabzon ein 16-jähriger Teenager als mutmaßlicher Mörder vor Gericht verantworten. Zunächst wurde vermutet, der Mord stehe im Zusammenhang mit der Debatte über die Mohammed-Karikaturen. Inzwischen gilt Verärgerung über angebliches Missionieren des Katholiken Santoro als Mordmotiv: Kaum ein anderes Wort löst in der Türkei einen solchen Verfolgungswahn aus wie der Begriff „Missionar“.

Santoro arbeitete seit zwei Jahren in Trabzon. Viele Christen gibt es nicht in der Schwarzmeerstadt. Dennoch meldeten türkische Zeitungen nach dem Mord empört, der 60-jährige Priester habe womöglich als Missionar gearbeitet. Als Beweis wiesen sie darauf hin, dass in Santoros Kirche christliche Schriften in türkischer Sprache ausgelegen hätten. Außerdem soll Santoro im Südosten der Türkei versucht haben, junge Türken für den christlichen Glauben zu gewinnen. Dabei ist das Missionieren in der Türkei nicht einmal gesetzlich verboten.

Dass der Fund von türkischsprachigen Katechismen in einer katholischen Kirche in der Türkei trotzdem als eine Art mildernder Umstand für den Mord aufgefasst wird, das erschreckt selbst langjährige Beobachter wie den anglikanischen Priester Ian Sherwood, der seit 17 Jahren in Istanbul tätig ist: „Pater Andrea wurde unterstellt, er treibe etwas Unrichtiges, Unbotmäßiges in der Türkei, nur weil er christliche Literatur in türkischer Sprache besaß.“ Sherwood käme nicht auf den Gedanken, sich in Istanbul auf die Straße zu stellen und die Leute in seine Kirche einzuladen. Zu gefährlich, sagt er. Wenn es doch jemand versucht, gilt er schnell als Staatsfeind. So wie die deutsche Familie Eisele. Einen Tag vor dem Mord an Pater Santoro in Trabzon verweigerten die türkischen Behörden der christlichen Familie mit Hinweis auf eine „Bedrohung der nationalen Sicherheit“ die Wiedereinreise ins Land. Die Eiseles hatten zuvor vier Jahre im türkischen Südosten gelebt und sich dort als Christen engagiert.

Die offiziell säkulare Republik Türkei betrachtet Christen als Gefahrenquelle. Selbst die Regierung vertritt die Ansicht, die Türkei als Land von 70 Millionen Menschen, die zu 99,8 Prozent Moslems sind, sei subversiven Attacken von Missionaren ausgesetzt. So sagte Religionsminister Mehmet Aydin, die Regierung sehe die Missionarstätigkeit als „Versuch, unsere Gesellschaft in verschiedene Glaubensgemeinschaften aufzusplittern und ihre religiöse, nationale und kukturelle Einheit aufzubrechen“. Als Beweis legte der Minister Zahlen vor: Ganze 368 Menschen wurden demnach von Missionaren zum Christentum bekehrt. Dass dieses Ergebnis kaum zur Rechtfertigung einer staatlich geschürten Paranoia dienen kann, ficht die Regierung nicht an.

Hinter dem Verfolgungswahn steht aber mehr als das religiöse Empfinden einer islamisch geprägten Regierung und einer frommen Bevölkerung. Nach dem Ersten Weltkrieg mussten die Türken ihre Republik gegen christliche Siegermächte durchsetzen, die Anatolien unter sich aufteilen wollten. Dieses Trauma wirkt nach.

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