Tödliche Schüsse im Iran : Notarzt von Neda meldet sich

Um den Tod der iranischen Studentin Neda ranken sich viele Theorien. Jetzt meldet sich der Mediziner zu Wort, der die junge Frau nach den tödlichen Schüssen in Teheran retten wollte.

Martin Gehlen
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Gedenken an die getötete Studentin Neda -Foto: dpa

Erst die Protestkundgebungen auf den Straßen, dann der Tod von Neda - an düsteren Verschwörungstheorien herrscht in der Propagandamaschine des iranischen Regimes derzeit kein Mangel. Zunächst behauptete am Dienstag der staatliche Sender Khabar, das Video über den Tod der 26-jährigen Studentin am Rande einer Protestkundgebung sei gefälscht. Es sei offensichtlich, dass diejenigen, die die Aufnahmen machten, auf etwas gewartet und dann das Ganze aus mehreren Winkeln gefilmt hätten, hieß es zur Begründung.

Zwei Tage später meldeten sich mehrere konservative Zeitungen mit einer anderen Version zu Wort. Diesmal war der Tod echt, nur der Schütze eine finstere Gestalt - mit einer Waffe aus dem Ausland oder schlimmer noch: vom Ausland angeheuert. "Die Untersuchung ergab, dass jemand mit einer Schmuggelwaffe das Feuer auf mehrere Menschen in der Karegar-Straße eröffnete, und eine der Kugeln traf Neda Agha-Soltan in den Rücken", meldeten die Blätter unter Berufung auf die konservative Nachrichtenagentur Fars. Die Sicherheitskräfte hätten in den vergangenen Wochen Dutzende Waffen des Typs sichergestellt, mit der sie getötet worden sei. "Diese Waffen sind vornehmlich über die westlichen Grenzen in den Iran geschmuggelt worden." Will heißen: Der Täter war ein Demonstrant, der sich auf dunklen Kanälen eine Pistole besorgt hat. Die Zeitung "Watan Emrus", die Präsident Mahmud Ahmadinedschad nahe steht, verstieg sich sogar in die Behauptung, der inzwischen des Landes verwiesene BBC-Korrespondent Jon Leyne, habe "einen Killer angeheuert und ihn bezahlt, damit dieser jemanden für seinen Dokumentarfilm tötet".

Motorräder der Basij-Milizen rasten auf die Menge zu

Das war dem iranischen Mediziner und Literaten Arash Hejazi, der der tödlich getroffenen Studentin erste Hilfe leistete, dann zu viel. Hejazi lebt normalerweise in Teheran, hat dort einen eigenen Buchverlag, schreibt Romane und übersetzt europäische Literatur ins Persische, unter anderem Paulo Coelho und Milan Kundera. Im Augenblick studiert er an der Brookes Universität in Oxford Verlagswesen. Kurz nach seiner Rückkehr aus Teheran meldete sich der 38-Jährige jetzt in Großbritannien in einem Interview der BBC als Augenzeuge zu Wort. Er sei mit ein paar Freuden in seinem Verlagsbüro gewesen, sagte er. "Wir hörten, es gebe in der Nähe Proteste und wollten uns das ansehen." Plötzlich sei Tränengasgranaten geflogen und Motorräder auf die Menge zugerast.

Die Menschen gerieten in Panik, rannten bis zur nächsten Kreuzung und blieben dort erst einmal stehen. "Dann hörten wir einen Schuss", berichtete Hejazi. Neda, die er vorher nicht kannte, habe einen Meter von ihm entfernt gestanden. "Ich drehte mich um und sah, wie Blut aus ihrer Brust schoss und versuchte die Wunde zuzupressen." Zunächst seien alle davon ausgegangen, der Schuss sei von einem Hausdach gekommen. Dann aber hätte die umstehende Menge einen Motorradfahrer der Basij-Milizen als Schützen ausgemacht. "Wir haben ihn, wir haben ihn", schrieen sie, nachdem sie den Mann entwaffnet hatten.

"Ich will nicht, dass die junge Frau umsonst gestorben ist"

Die Menge sei außer sich gewesen, während der Milizionär immer wieder brüllte: "Ich wollte sie nicht töten", sagte Hejazi dem britischen Sender. Einer habe die Menge sogar beschworen, den vermutlichen Täter nicht zu lynchen. Dann hätten die aufgebrachten Demonstranten ihm seinen Basij-Ausweis abgenommen und Fotos gemacht. Am Ende ließen sie ihn laufen, weil sie nicht wussten, was sie mit ihm tun sollten. Neda war zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Asphalt verblutet. "Sie starb in weniger als einer Minute. Nie zuvor habe ich so eine Wunde gesehen. Die Kugel muss innerhalb ihres Körpers explodiert sein", sagte Hejazi. Er selbst riskiere jetzt, nicht mehr in den Iran zurückkehren zu dürfen. Trotzdem habe er sich entschieden, mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit zu gehen: "Ich will nicht, dass die junge Frau umsonst gestorben ist."


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