Politik : Tödliche Taktik

Londons Polizei soll mögliche Selbstmordattentäter weiter durch gezielte Kopfschüsse ausschalten

Matthias Thibaut[London]

Erst entschuldigte er sich – um dann eine unmissverständliche Warnung auszusprechen: Die Erschießung eines unschuldigen brasilianischen Elektrikers durch Sondereinheiten der britischen Anti-Terror-Polizei, sagte Londons Polizeichef Ian Blair, sei „eine Tragödie. Scotland Yard übernimmt die volle Verantwortung dafür.“ Aber: „Weitere Menschen können erschossen werden.“ Damit machte er deutlich: An der Praxis des tödlichen Kopfschusses soll sich nichts ändern, wenn die Beamten davon ausgehen, bei dem Verdächtigen handele es sich um einen Selbstmordattentäter.

Die irrtümliche Tötung des Mannes wird von einer unabhängigen Kommission untersucht. Berichten zufolge haben Sonderbeamte den 27-jährigen Brasilianer Jean Charles de Menezes von einem Wohnblock in Stockwell aus auf dem Weg zur U-Bahn verfolgt. Das Haus, aus dem er kam, wurde nach den Anschlägen vom Donnerstag observiert – offenbar hielt die Polizei Menezes für einen der vier Selbstmordbomber. Als Menezes, dessen dicke Jacke Verdacht erregte, in die U-Bahnstation Stockwell gehen wollte, wurde er nach Angaben der Polizei von den bewaffneten Polizisten zum Stehenbleiben aufgefordert. Stattdessen sprang er über die Barriere und stolperte in einen Zug der Northern Line. Zeugen berichteten, dass drei Polizisten den Mann in der U-Bahn aus kurzer Entfernung mit fünf Schüssen töteten.

In einem Beitrag für die „News of the World“ erläuterte der Vorgänger des Polizeichefs, Lord Stevens, die von ihm eingeführte Politik gezielter Todesschüsse. Er nannte sie „Shoot-to-kill-to-protect“ – töten, um Leben zu retten. Sie zu ändern, wäre „ein riesiger Fehler“, heißt es in seinem Beitrag. Übernommen haben die Briten die Taktik von Israel. Die einzige Möglichkeit, einen Selbstmordanschlag zu verhindern, sei „das Gehirn sofort und völlig zu zerstören“, schreibt Stevens. Er habe nie einen Polizisten getroffen, der im Dienst getötet habe und nicht schwer traumatisiert worden sei. Der Beamte habe sich bewusst in eine Position gebracht, in der er bei einer Explosion in Stücke gerissen worden wäre.

Auch Scotland Yard warb um Verständnis für die Beamten: Die Polizisten stünden angesichts der Todesschuss-Praxis vor einem riesigen „ethischen Dilemma“; jeder Fehler könne Hunderte von Toten zur Konsequenz haben. Das sei eine „neue Welt“ für die Beamten, mit der sie erst noch zurechtkommen müssten. Die Anschläge vom 7. Juli und vom vergangenen Donnerstag stellen Londons Polizei vor eine völlig neue Situation. Traditionell ist Scotland Yard um ein friedliches Image seiner Beamten bemüht, versinnbildlicht durch den durch nichts zu erschütternden „Bobby“ auf den Straßen der britischen Hauptstadt. Nur 2060 der 35000 Polizeibeamten der Metropolitan Police tragen überhaupt Schusswaffen. Alles sind erfahrene Beamte mit Spezialausbildung.

Am Sonntag meldete die Polizei eine dritte Festnahme nach den Anschlagsversuchen vom Donnerstag. Ein Mann wurde im Süden Londons festgenommen, ist aber wohl keiner der Hauptverdächtigen.

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