Politik : Tödliche Warteschlange

Der Anschlag in Bagdad soll kurz vor dem Rückzug der US-Truppen die Sicherheitskräfte verunsichern

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Es war ein Morgen wie jeder andere vor dem Rekrutierungsbüro der irakischen Armee auf dem Gelände des ehemaligen Verteidigungsministeriums in Bagdad. Hunderte junge Männer stellten sich in einer Schlange an, um sich als Freiwillige der irakischen Armee anzuschließen. Jobs sind rar im Irak, die Armee wiederum braucht Männer, um nach dem geplanten Abzug der US-Kampftruppen zum Monatsende den Kampf gegen Aufständische und Al-Qaida-Terroristen weiterzuführen.

Ein Mann in einer Armee-Uniform tauchte in der Menge auf und begann, die Namen der Wartenden aufzuschreiben, schilderte ein Augenzeuge das Geschehen dem Fernsehsender Al-Dschasira. In der Hoffnung, bald in die Armee aufgenommen zu werden, drängten sich immer mehr Männer arglos um den Uniformierten. Den Sprengstoffgürtel unter seinem Rock konnten sie nicht sehen. Als ihn der Attentäter zündete, war es zu spät. 59 Menschen starben bei dem Anschlag, 125 wurden verletzt. Unter den Wartenden brach nach dem Anschlag Panik aus, Wachsoldaten feuerten Schüsse in die Luft.

Überlebende Rekruten fragten, wie es dem Attentäter gelingen konnte, auf das Gelände zu kommen und mit der Sprengladung die beiden Eingangskontrollen zu überwinden. Solche katastrophalen Sicherheitspannen nähren zwei Wochen vor dem Abzug der US-Kampftruppen im irakischen Volk die Zweifel, ob ihre Sicherheitskräfte der Gewalt von Al Qaida und ihren Verbündeten überhaupt gewachsen sind. Auch Bagdads Oberbefehlshaber, General Babaker Zebari, hatte den Abzug der Amerikaner in den letzten Monaten immer wieder als „voreilig“ bezeichnet. Die irakische Armee könne erst ab 2020 eigenständig für Sicherheit im Lande sorgen, erklärte er. Ein Sprecher der Streitkräfte machte Al Qaida für das Attentat verantwortlich.

Anschläge auf Soldaten und Polizisten haben in letzter Zeit auffällig zugenommen, um Unsicherheit und Panik in den Sicherheitskräften zu verbreiten und den Terroristen mehr Bewegungsspielräume zu verschaffen. Allein in der letzten Woche wurden elf Verkehrspolizisten ermordet und 24 verletzt. Einige wurden aus fahrenden Autos heraus erschossen, andere starben durch Bomben, die an ihren Wachhäuschen oder unter ihren Autos befestigt worden waren. Am Wochenende wurden zwei Beamte in ihrem Dienstwagen hingerichtet, mit Benzin übergossen und auf offener Straße verbrannt. Inzwischen begann man, alle Verkehrspolizisten mit schusssicheren Westen und Schnellfeuergewehren auszurüsten.

Mitursache für die wachsende Verunsicherung im Land ist auch die anhaltende politische Lähmung in Bagdad. Fünf Monate nach den Wahlen ist immer noch keine neue Regierung in Sicht. Das Parlament hatte sich Mitte Juni nach einer einzigen zwanzigminütigen Sitzung auf unbestimmte Zeit vertagt. Und zwischen den beiden Hauptrivalen, Ex-Premier Iyad Allawi und dem bisherigen Regierungschef Nuri al-Maliki, gibt es trotz heftigen amerikanischen Drucks keinerlei Annäherung. So kündigte Allawis Parteienbündnis „Iraqiyya“ am Vortag des Anschlags demonstrativ alle politischen Gespräche mit dem gegnerischen Maliki-Lager auf. Der bisherige Regierungschef habe „Iraqiyya“ in einem Fernsehinterview beleidigt, hieß es zur Begründung. mit dpa

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