Politik : Tödlicher Doppelschlag

Erst attackierten die Taliban die Bundeswehrsoldaten mit einer Sprengfalle, dann wurde die Rettungsmannschaft beschossen

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Betroffen. Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Foto: ddp
Betroffen. Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Foto: ddpFoto: ddp

Berlin - Die Männer fühlten sich sicher. Der Konvoi, afghanische Armeelaster und Fahrzeuge der internationalen Schutztruppe Isaf, war unbehelligt über die „Dutch Bridge“ bei Baghlan gerollt. Der deutsche Eagle IV, ein großer Jeep mit Minenpanzerung, fuhr am Ende. Ein kurzer Halt vor der Fahrt ins Einsatzgebiet, die Soldaten stiegen aus, Männer aus anderen Fahrzeugen kamen dazu. In diesem Moment zündete jemand, der die Szene wohl beobachtet hatte, die am Straßenrand vergrabene Sprengladung. Die Bombe – vermutlich eine umfunktionierte Rakete – tötete drei Deutsche und verletzte fünf. Das vierte deutsche Opfer, ein Arzt, starb vier Stunden später, als eine andere Kolonne aus dem Feldlager Pol-e-Khomri anrückte, um den zerstörten Eagle zu bergen. Zwei Mal kurz nacheinander nahmen Aufständische den Konvoi unter Feuer. Beim zweiten Hinterhalt schlug eine Panzerfaust- oder Mörsergranate in den hinteren Teil eines geschützten Yak-Sanitätsfahrzeugs ein. Ein 33-jähriger Oberstabsarzt starb.

Das Gefecht habe rund sechs Stunden gedauert, hieß es in Sicherheitskreisen. Etwa 200 Rebellen, mutmaßlich Taliban, hätten die Soldaten attackiert. Der Ablauf des seit Jahren schwersten militärischen Zwischenfalls im deutschen Afghanistaneinsatz, wie er sich jetzt darstellt, lässt verstehen, weshalb Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in einer ersten Reaktion von einem „besonders tragischen Fall“ sprach. Ob sich die Rebellen am Donnerstag den Eagle gezielt und in Kenntnis der Berliner Debatten zum Ziel genommen haben, ist bisher nicht klar – dass da ein deutsches Isaf-Fahrzeug stand, war bei genauem Hinsehen aber problemlos zu erkennen. Dass der nachfolgende Angriff auf das Sanitätsfahrzeug Absicht war, daran zweifelt niemand. Ärzte und Sanitäter sind seit Monaten ein Hauptziel der Taliban. Erste Hilfe im Gefecht ist für die Isaf essenziell, medizinische Hilfe für Zivilisten eine wirksame Methode, Pluspunkte bei der Bevölkerung zu sammeln. Auch das Muster – erst eine Bombe zünden, dann die Bergungsmannschaften attackieren – ist Nato-Militärs nicht neu.

Der Vorfall dürfte nicht nur wegen der für deutsche Verhältnisse hohen Opferzahl die innenpolitische Debatte anheizen. Denn die Soldaten starben bei einem Einsatz, der nach der neuen Strategie der Bundeswehr die Regel werden soll. Es handelte sich um Mitglieder eines „OMLT“, einer kleineren Einheit von Ausbildern und Spezialisten, die Einheiten der afghanischen Armee in Einsätze begleiten. Dieses „Partnering“ soll Kern des neuen Vorgehens auch im Raum Kundus werden, wo die Bundeswehr mit der afghanischen Armee Rebellengebiete unter Kontrolle bekommen will.

In der Region Baghlan läuft seit Ende März genau eine solche Operation gegen Aufständische in großem Stil. Rund 3000 Mann nehmen an der Operation „Taohid“ teil, darunter etwa 200 Deutsche, dazu Amerikaner, Ungarn, Belgier, Kroaten und Schweden. Im Gebiet westlich von Baghlan hatten sich Taliban, aber auch deren Rivalen festgesetzt – Kämpfer des islamistischen Milizkommandeurs Gulbuddin Hekmatyar. Beide Gruppen waren sich ihrer Vorherrschaft zuletzt so sicher, dass sie sich Anfang März verlustreiche Gefechte untereinander lieferten.

„Taohid“ – auf Deutsch: „gemeinsam“ – soll den Rebellen die Kontrolle nehmen. Die erste Phase dauerte vom 27. bis 31. März, die zweite läuft seit Mittwoch und geht weiter. Militärs berichten von starkem Widerstand, die afghanische Armee verzeichnet eine bislang unbekannte Zahl von Opfern. Die islamistischen Rebellen, oft von tschetschenischen und usbekischen Gesinnungsgenossen ausgebildet, kämpfen professionell, heißt es. Der Angriff vom Donnerstag war nach Ansicht von Sicherheitsexperten für die Taliban auch intern von größerer Bedeutung. Nach der Festnahme von Mullah Mir Mohammed, dem „Schattengouverneur“ der Rebellen für die Region Baghlan, wolle sich ein neuer Kommandeur „profilieren“. Der pakistanische Geheimdienst hatte Mullah Mir Mohammed im Februar in Pakistan aus dem Verkehr gezogen – nahezu gleichzeitig mit dem damaligen Taliban-Chef für die Region Kundus, Mullah Abdul Salam.

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