Politik : „Töten ist nicht unser Hobby“

Der neue palästinensische Ministerpräsident Abu Masen kritisiert die Gewalt und will Frieden mit Israel schließen

Martin Gehlen

Ein Mann der ersten Stunde – in den fünfziger Jahren gründete er mit Jassir Arafat die Fatah-Bewegung. Als PLO-Vorstandsmitglied setzte er sich schon sehr früh für eine Verständigung mit Israel ein. Er handelte die Oslo-Verträge aus und unterzeichnete sie zusammen mit Israels Außenminister Peres am 13. September 1993 im Weißen Haus. Zu vielen israelischen Politikern unterhält der 68-jährige Abu Masen intensive Kontakte. Und er gehört zu den wenigen palästinensischen Spitzenpolitikern, die die Selbstmordanschläge sowie die Anwendung militärischer Mittel in der Konfrontation mit Israel scharf kritisieren. Nun hat PLO-Chef Arafat seinen langjährigen Kampfgefährten zum ersten Ministerpräsidenten der Palästinenser vorgeschlagen.

Abu Masen, der von Hause aus Mahmud Abbas heißt, wurde 1935 in Safad im Norden Israels geboren. 1948 mussten er und seine Eltern nach Damaskus fliehen. Dort studierte er Jura und beschäftigte sich speziell mit Israel und der zionistischen Ideologie. In Moskau promovierte er über den Zionismus aus palästinensischer Sicht. Er analysierte die inneren Spannungen der israelischen Einwandungsgesellschaft und entwickelte eine so genannte „Brückentheorie“. Die aus den orientalischen Ländern nach Israel eingewanderten und gesellschaftlich benachteiligten Juden sollten als Bündnispartner für die Palästinenser gewonnen werden. Frieden als Spaltung und als Ende des einheitlichen Zionismus, das war seine Idee. Auch wenn dies nie mehr war als graue Theorie, Abu Masen machten diese Gedanken schon in jungen Jahren zu einem Befürworter einer politischen Lösung des Konflikts.

Nach seiner akademischen Ausbildung arbeitete er in den Golfstaaten. Er knüpfte Kontakt zu palästinensischen Flüchtlingen und wurde 1958 eines der fünf Gründungsmitglieder der Fatah-Bewegung mit Arafat als Vorsitzendem. 1980 wurde er in den Vorstand der PLO gewählt. Nach der Rückkehr Arafats 1995 aus Tunis nach Gaza weigerte sich Abu Masen, ein Ministeramt in dessen Regierung anzunehmen. Seither hielt er sich politisch im Hintergrund, vertrat Arafat jedoch mehrfach auf diplomatischem Parkett, auf dem sich der stets elegant gekleidete PLO-Funktionär zu Hause fühlt. Er genießt innerhalb der PLO hohes Ansehen, auch wenn er bei seiner Kritik an der gegenwärtigen palästinensischen Politik kein Blatt vor den Mund nimmt. In den vergangenen Wochen traf er mehrfach mit israelischen Politikern zusammen, seit diese Arafat boykottieren. Er reiste auch zu Gesprächen nach Washington, allerdings stets in Absprache mit dem PLO-Chef, der sich kaum noch aus seinem stark zerstörten Hauptquartier in Ramallah wagt.

In den vergangenen Monaten hat sich Abu Masen immer wieder nachdrücklich für demokratische Reformen, aber auch für das Ende der gewalttätigen Intifada ausgesprochen, die er offen als „Fehler“ bezeichnet. „Was in den letzten zwei Jahren geschah, war die völlige Zerstörung von allem, was wir seit Oslo aufgebaut haben. In Gaza und der Westbank leben wir jetzt unterhalb der Armutsgrenze, unser Volk durchlebt eine Situation des Verlustes, des Hungers und des Leids. Der Grund hierfür ist, dass viele Menschen auf die israelischen Provokationen reagierten und die Intifada von ihrem natürlichen Kurs abkam“, erklärte er im September 2002 in Gaza-Stadt – eine Rede, die immer wieder von heftigen Buhrufen unterbrochen wurde. „Töten ist nicht unser Hobby. Wir wollen unser Ziel erreichen, das ist der Punkt, der jedem vor Augen geführt werden muss, der erklärt, er wolle so weitermachen.“

Abu Masen will als Ministerpräsident keinesfalls zu einer Marionette Arafats werden. Er verlangt weitreichende Vollmachten für dieses Amt, will seine Minister selbst ernennen und mögliche Friedensverhandlungen mit Israel führen können. Außerdem fordert er eine Stärkung des Parlaments. Setzt er sich damit durch, dann wäre das der Anfang vom Ende Jassir Arafats.

Tote bei Überfall auf Siedlung

Jerusalem (AFP). Bei einem Überfall palästinensischer Attentäter auf eine jüdische Siedlung sind mindestens drei Israelis getötet und mehrere verletzt worden. Die beiden bewaffneten Palästinenser hatten sich als jüdische Talmud-Schüler verkleidet in die Siedlung Kirjat Arba nahe Hebron im Westjordanland eingeschlichen und das Feuer eröffnet.

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