Togo : Entscheidung für Afrika

Er floh vor dem Terror nach Deutschland, studierte, fand Arbeit. Als er zurückwollte, sagte seine Chefin: Bist du blöd? Eine Demokratie ist Togo noch lange nicht. Das wusste er. Und in diesen Tagen hat er Angst: Am Donnerstag ist Präsidentenwahl.

Lennart Laberenz[Lomé]

Als Olivier Kolani 1969 in Togo zur Welt kam, regierte dort seit zwei Jahren ein Mann namens Eyadèma Gnassingbé – und der hörte damit nicht auf, bis Olivier Kolani 36 Jahre alt war.

Von 1967 bis zu seinem Tod im Jahr 2005 beherrschte Eyadèma Gnassingbé das schmale Land an der Atlantikküste. Seitdem regiert sein Sohn: Faure Gnassingbé. Der sagt, er sei gewählt worden, weil es eine Abstimmung gegeben hat, bei der 60 Prozent der Togoer für ihn waren. Das war Wahlbetrug!, sagen andere.

Olivier Kolani lacht bitter, wenn er an Togos Versuche mit der Demokratie denkt. Und die nächste Probe naht. Am kommenden Donnerstag, am 4. März, sind wieder Präsidentenwahlen. Faure Gnassingbé stellt sich zum ersten Mal seit der Machtübernahme gegen sechs Mitbewerber zur Abstimmung.

Olivier Kolani ist heute Unternehmer in Lomé mit einer eigenen Speditionsfirma, elf Mitarbeiter hat er, und er engagiert sich sozial. Man könnte mehr tun, die Welt in Togo ist nicht so, wie er sie möchte. In Dapaong, einer Stadt im Norden, unterstützt er ein Zentrum für Kinder und Jugendliche. Betrieben wird es von einem Verein, der zehn Lehrer bezahlt. Ein guter Lohn, 30 Euro im Monat. 300 Kinder gehen hier zur Schule.

Kolani glaubt an die Veränderung aus eigener Kraft. „Ich habe erfahren, wie wichtig Bildung ist. Dadurch kann man Dinge verändern“, sagt er. Er hat es erlebt. Aber das ist ein undynamischer, schwerfälliger Prozess. Das Gegenteil, möchte man meinen, von seinem Leben.

Von dem erzählt Kolani, der so gar nicht heißt, aber in Togo ist Kritik noch immer mit Gefahr verbunden, auf seiner kleinen Terrasse im Stadtteil Djidjolê. Ein kleines hellbeiges Häuschen, ein Vorgarten aus Sand, im Haus seine Frau, sein kleiner Sohn, ein Kindermädchen.

Er erzählt von den 1990er Jahren, als sie das erste Mal an Aufbruch dachten. „Wir hatten Hoffnung!“, sagt er. Der damalige französische Staatspräsident François Mitterrand hatte vor allen Staatsmännern des afrikanischen Kontinents gesagt, dass nun, nach dem Fall der Mauer, dem Ende des Kalten Krieges, dem Ende der Blöcke und Zwänge, auch ihre Staaten demokratisch werden sollten. Und tatsächlich änderte sich in den folgenden Jahren viel. Es wurde demokratisiert, wenn auch nur halb, vor allem entstanden hybride Staatsgebilde in der Grauzone zwischen Demokratie und Diktatur.

Warum mehr Mitbestimmung und Freiheit nicht auch in Togo, haben die Studierenden damals gefragt, unter ihnen Kolani, eingeschrieben für Betriebswirtschaft an der Universität von Lomé. Sie demonstrierten gegen Eyadèma Gnassingbé, der 1963 den ersten Präsidenten der unabhängigen Republik Togo ermorden ließ und sich 1967 selbst an die Regierung putschte. Der seither das Land wie eine Familienangelegenheit führte.

Anfang der 1990er Jahre sträubte sich Eyadèma Gnassingbé gegen die Nationale Konferenz, die ihn entmachten wollte, drängte 1992 mit Hilfe des Militärs an die Macht zurück. Danach warfen die Studenten Steine, trugen den Zorn auf die Straße. Das Ausland engagierte sich: Ein französischer Staatssekretär und sein deutscher Amtskollege reisten zur Vermittlung nach Lomé, wo Olivier Kolani, vaterlos, bei den Großeltern aufgewachsen, bei jeder Demonstration dabei war, auch bei der größten. Am 25. Januar versammelten sich 300 000 Menschen in der Stadt, so viele wie nie zuvor. Und es wurde reagiert wie selten zuvor:

AFP/AP/opl, 26.1.1993: Protestierer in Togo erschossen. Am Montag, dem 25. Januar 93 haben Polizisten das Feuer auf Demonstranten eröffnet und mindestens 12 Menschen getötet und 25 verletzt. Der deutsche Staatsminister im Auswärtigen Amt, der kurz nach dem Ereignis am Ort des Geschehens eintraf, sprach von mindestens 20 Toten. Die Demonstranten sollen zum Zeichen ihrer Friedfertigkeit weiß gekleidet gewesen sein.

Die Soldaten zogen weiter, es gab noch mehr Verletzte, mehr Tote. Der französische Außenminister Roland Dumas erklärte, Frankreich wolle sich nicht in Machtkämpfe einmischen, jedoch über die Sicherheit der Franzosen in Togo wachen. Olivier Kolani entschied, dass er fliehen muss. Mithilfe seiner Familie erreichte er über Moskau Hamburg. Togo war mal deutsche Kolonie, von 1884 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, da fiel das Land an die Alliierten, wurde von Briten und Franzosen verwaltet.

Olivier Kolani, über ein Meter neunzig groß, muskulöse Arme, schlank, wollte in Deutschland zum Ingenieur werden. Der Weg dahin führte zur Warteliste für den Deutschkurs und zum Tellerwäscherjob im „Brauhaus Joh. Albrecht“, sechs Tage die Woche, von 16 bis 24 Uhr, um die 1000 Mark im Monat. Kolani wartete nicht auf den staatlichen Sprachkurs, nahm Privatstunden, 500 Mark im Monat. Er bekam den Studienplatz, den er wollte: Wintersemester 1994/95, Ingenieurswissenschaften, Fachbereich Elektrotechnik, Technischen Universität Hamburg-Harburg. Kolani engagierte sich in politischen und sozialen Gruppen, für Togo und Integration, 1999 bekam er von seiner Hochschule den Preis für „soziales Engagement“.

Jedes Jahr fuhr er nach Togo, Kontrollen vermied er, Folter und Tod waren gegenwärtig, das Klima der Denunziation hielt an. Kolani besuchte einmal auch seinen Großvater auf dessen abgeschiedener Farm. Er sah die Hügel, die Landschaft der Kindheit, der Großvater machte Palmwein. Kolani trank und war glücklich.

Einen Monat vor seinem 33. Geburtstag schloss er das Studium ab, bekam eine Arbeit. Als er sagte, dass er kündigen und nach Afrika zurückkehren wolle, entfuhr seiner Chefin der Satz: „Bist du blöd?“

Er habe sich wohl gefühlt in Hamburg, sagt Kolani auf seiner Terrasse. „Aber ich habe schon früh gemerkt, dass mein Herz hier schlägt.“ Und die Hand weist auf den Staub zu seinen Füßen.

Dann kam der 5. Februar 2005: Der alte Präsident starb. Der damalige französische Staatspräsident Jacques Chirac sagt: „Mit ihm stirbt ein Freund Frankreichs, der für mich ein persönlicher Freund war. Mit Sicherheit spürt Afrika den fürchterlichen Schmerz angesichts des Verlusts dieses Mannes, der sich seit so vielen Jahren für regionale Zusammenarbeit, für Vermittlung und für den Friedensprozess eingesetzt hat.“

In der Nacht trat der Sohn des Toten, Faure Gnassingbé, aus formalen Gründen als Minister zurück, wurde als Abgeordneter vereidigt, als Parlamentspräsident gewählt und zum Präsidenten des Landes ausgerufen. Jacques Chirac sagte, dass er dem Sohn eines solchen Vaters nicht die Freundschaft verwehren könne.

Es gab Proteste. Faure Gnassingbé ließ Wahlen zu, fälschte sie, gewann – und dann starben rund 800 Menschen, „sogar aus dem Hubschrauber haben sie geschossen“, erinnert sich einer, der überlebt hat. Bis heute hat den Totschlägern von 2005 keiner den Prozess gemacht, die Namen der führenden Elite sind noch immer dieselben. Die Taxifahrer, die an der Ecke stehen, oder die Büroarbeiter mit Magistertiteln sagen: Wir gehen nicht wählen. Wir haben Angst.

Abseits der Boulevards sind die Straßen von Lomé aus Staub. Die Menschen leben in halb zerfallenen Hütten. Die Dinge sind sich selbst überlassen in dieser niedrigen Stadt mit Resten kolonialer Architektur, vieles ist eingefallen, zertreten. Eine geteerte Straße, so spotten die Menschen, führt zu einer Mätresse des Präsidenten. Das Leben in der Stadt, das Leben in Togo, ist arm und jung: Über die Hälfte der Bevölkerung, so die Statistik der Weltbank, ist keine 16 Jahre alt. Sie sitzen auf Bänken und Schemeln, hören laute Musik. Die Frauen in traditionellen Tüchern, die Männer in Sporttrikots. Die Armut ist groß. 2008 lag Togo auf dem 172. Rang des UN-Entwicklungsindex. Die Liste ist nur noch um neun Länder länger. 62 Prozent der Menschen haben weniger als zwei Dollar pro Tag zur Verfügung.

Nach dem Tod des alten Präsidenten kehrte Kolani in sein Heimatland zurück. Zwar war dem alten der junge Herrscher gefolgt, doch sah er eine neue Chance für Aufbruch. Er gründete seine Firma und soziale Projekte, Bildungsprojekte für Kinder. Damit das Land sich ändern kann. Bis heute fährt Kolani den Mercedes 190 Turbodiesel, den er vor vier Jahren in Halle gekauft hat, Kilometerstand 150 000. Inzwischen dreht die Anzeige knapp über 370 000.

Er hat die Terrasse und seine Familie verlassen, fährt durch die Stadt. Vorbei an einer Moschee, die der libysche Staatschef Muammar Al Gaddafi gestiftet hat. Vorbei an einem weitläufigen Palast mit prunkvollem Gepräge: der neue Sitz des Präsidenten. Vorbei am großen Stadion, „alles gebaut von chinesischen Firmen“. Er hält vor einem breiten Metalltor.

2006 baute er zusammen mit Freunden das Kinderhaus Frieda für Aidswaisen auf, das von Spenden aus Deutschland lebt. 24 Kinder leben hier. Draußen vor dem Tor werden immer mehr Kinder von HIV-infizierten Müttern ausgesetzt.

Die Gewalt im Land ist unter Faure Gnassingbé eine andere geworden, eine diskretere, doch gelegentlich blitzen Gewehre, wird gedroht, eingeschüchtert, geschossen. Besonders dann, wenn Wahlen sind, also jetzt. „Ich überlege schon, was ich an den Tagen mit meinem Sohn mache“, sagt Kolani. Auch er hat Angst.

Der Präsident bedient sich aber auch anderer Mittel, er nennt sie demokratisch. Vor den Parlamentswahlen 2007 bekam jede Frau einen Mikrokredit über 150 Euro. „Wenn ich gewinne, braucht ihr ihn nicht zurückzuzahlen“, sagte der Präsident. Er erklärte, dass die Grundschule nun gratis sei. Seitdem warten viele Lehrer vergeblich auf ihren spärlichen Lohn.

Vor Weihnachten ließ er 30 Tonnen Reis importieren, den gab es abgepackt à zehn Kilo zu reduziertem Preis, die Säcke waren bedruckt mit seinem Konterfei.

Kurz zuvor hat Faure Gnassingbé in Berlin Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht und war mit ihr vor die Mikrofone getreten. Da sagte er: „Wir haben bestätigt, dass die Tatsache, dass wir uns auf die Demokratie eingelassen haben und die Entscheidung für die Demokratie getroffen haben, unumkehrbar ist. Wir haben politische Reformen ergriffen, die zu friedlichen Präsidentschaftswahlen 2010 führen sollen.“

Das Auswärtige Amt in Berlin teilt dazu mit, dass nicht auszuschließen sei, „dass es mit Bekanntgabe des Wahlergebnisses zu gewalttätigen Aktionen kommen kann, wenn das Wahlergebnis nicht den Vorstellungen einer der zur Wahl angetretenen Parteien entspricht“.

Im Kinderhaus Frieda sind die Kinder mit ihren Hausaufgaben fertig, alle tragen ihren Stuhl in den rosafarbenen Essraum, Kolani kitzelt ein schüchternes Mädchen, das hell auflacht.

Als er zurückfährt zu seinem Haus, klingelt sein Mobiltelefon. Es ruft einer an, der sagt, dass er krank sei und Geld brauche. Kolani ärgert sich: „Ich bin nicht die Zentralbank. Ich habe selbst kein Geld.“ Ein Blick auf die Straße, eine Kurve ums Schlagloch. „Man muss hier hart sein können“, sagt er.

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