• Tom Koenigs, Leiter der UN-Verwaltung im Kosovo, über die Aufgabe, das Leben nach dem Krieg zu normalisieren (Interview)

Politik : Tom Koenigs, Leiter der UN-Verwaltung im Kosovo, über die Aufgabe, das Leben nach dem Krieg zu normalisieren (Interview)

Die Vereinten Nationen sind nun ein halbes Jahr im

--- Der Betriebswirt stammt aus einer alteingesessenen Kölner Bankiersfamilie. Er engagierte sich in der außerparlamentarische Opposition und verschenkte 1973 sein Erbe an den Vietcong und den chilenischen Widerstand. 1983 trat er den Grünen bei, zehn Jahre später wurde er Stadtkämmerer des rot-grünen Magistrats in Frankfurt (Main). Mit ihm sprach Stephan Israel.

Die Vereinten Nationen sind nun ein halbes Jahr im Kosovo. Das bisschen Verwaltung, das betrieben wird, wird von der UCK und ihren Nachfolgern und von der Republik Serbien erledigt. Was wäre eigentlich anders, wenn die UN nicht hier wären?

Es ist unglaublich viel passiert, und es ist völlig unvorstellbar, dass dieses Land nicht im Chaos und im Verbechen versunken wäre, wenn die Vereinten Nationen und KFOR nicht hier wären. Wenn wir gerade jetzt eine Serie von Verbrechen haben, heißt das: Es gibt Grund genug, hier zu bleiben und die Strukturen aufzubauen. Wer glaubt, dass man eine Zivilgesellschaft, ein Mehrparteiensystem, eine geordnete rechtsstaatliche Verwaltung, eine multiethnische Gesellschaft oder eine nur halbwegs funktionierende Wirtschaft in hundert Tagen aufbauen könnte, soll sich Bosnien angucken oder die DDR, wo man mit 400 Prozent besseren Ausgangschancen daran gegangen ist.

Versinkt das Land nicht im Verbrechen?

Nein, jedenfalls versuchen wir, alles dagegen zu tun. Die Polizei ist natürlich nicht in der Stärke, wie wir uns das wünschen. Die Rekrutierung örtlicher Polizei geht leider viel langsamer. Aber man kann einen Polizisten nicht in sechs Wochen backen.

Man hat 5000 internationale Polizisten beantragt, und jetzt sind es weniger als halb so viele.

Es fragen immer diejenigen im Sicherheitsrat, warum es nicht schneller geht, die eine Beschleunigung herbeiführen könnten. Wenn man kein Geld hat, kann man keine schlagkräftige Polizei erwarten. Wir sind hier nicht nur in einer Nachkriegsgesellschaft, sondern auch in einer nachsozialistischen Gesellschaft, und alle die Probleme, die Russland oder Ostdeutschland haben, addieren sich hier zu einer Arbeitslosenrate von 85 Prozent.

Nach den Morden, die seit dem 13. Juni passiert sind, ist es in einem einzigen Fall zu einer Anklage gekommen. Bei den über 70 Kirchenbrandstiftungen gibt es keine Verhaftung.

Kürzlich hat eine aufgebrachte Menge einen Mann ermordet und zwei Frauen schwer verletzt. Es waren 2000 Menschen da. Glauben Sie, dass auch nur ein einziger danach zur Polizei gegangen ist und ausgesagt hat? In der Situation Ermittlungen zum Erfolg zu bringen, ist sehr schwierig. Auch sonstwo in Europa ist nach drei Monaten kein einziges Mordverfahren abgeschlossen. Die Ermittlungen der Brände führen ganz häufig zu Jugendlichen, Kindern. Sämtliche Verbrechen hier im Kriege sind vor den Augen aller Kinder begangen worden. Die Zahl der traumatisierten Kinder ist riesengroß. Von 5000 Menschen ist der Verbleib nicht bekannt.

Die UN haben vielleicht eine unmögliche Aufgabe übernommen.

Vielleicht eine Sisyphusaufgabe, aber keine, die man nicht hätte übernehmen sollen. Der Aufbau von friedlichen Strukturen, der Aufbau von Rechtsstaat, der Aufbau von einem normalen Leben ist eine langwierige und schwierige Sache, das haben wir alle gewusst, deshalb sind wir hier. Meine Aufgabe als jemand, der hier die Verwaltung aufbauen will und soll, ist ja eine sehr unspektakuläre, nämlich die Normalisierung des täglichen Lebens für die gesamte Bürgerschaft zu gewährleisten. Da sind doch erhebliche Schritte gemacht worden.

Für die Minderheiten dürfte die Normalisierung zu spät kommen.

Es sind erhebliche Gruppen außer Landes gegangen, weil die Sicherheit sehr schwer zu gewährleisten ist. In Pristina steht bei manchen Leuten eine ständige Bewachung vor der Tür. Bei einer Frau mit einem schwachsinnigen Kind hat monatelang ein britischer Soldat vor der Tür gestanden, bis sie gesagt hat, das ist nicht mehr nötig. Wenige Wochen später ist sie ermordet worden, mit dem Sohn. Sowas passiert, und es ist unglaublich schwer, das zu verhindern. Wir müssen von allen Seiten die Sicherheit in den Minderheitsgebieten erhöhen.

Die internationale Gemeinschaft hat im Kosovo angeblich aus humanitären Gründen zu Gunsten der Albaner interveniert, und jetzt geschehen hier unter den Augen der internationalen Vertreter weitere Verbrechen, diesmal an den Serben.

Jedes Verbrechen ist eines zuviel. Dass es der Polizei nicht so gut gelingt, Verbrechen zu bekämpfen, wie wir es gerne hätten, ist bedauerlich. Da müssen Anstrengungen unternommen werden. Aber daraus zu schließen, dass die Vereinten Nationen hier überflüssig wären, ist doch absurd! Natürlich müssen wir besser werden und hinkriegen, dass die politischen Führer und die Familien ihren Kindern und denen, die auf sie hören, immer wieder sagen: Dieses sind Verbrechen, arbeitet mit der Polizei zusammen! Nur sind auch die Politiker in diesem Lande diese Message nicht gewöhnt.

Wenn Sie den Zustand des Kosovo vor Beginn des Bombardements am 24. März 1999 mit dem vergleichen, der jetzt erreicht ist: Hat sich dieser Aufwand gelohnt?

Zwischen dem 24. März und dem 12. Juni sind so viele Gräueltaten passiert, dass jede einzelne davon die massive Intervention gerechtfertigt hätte und hat ...

aber nachträglich, nachdem die Luftangriffe gegen Jugoslawien begonnen hatten!

Aber das ist nicht nur die Intervention, das sind die Massaker hier im Lande, die ja kein Mensch vergessen hat. Vor dem 24. März hatten wir eine Apartheid mit zehn Morden pro Woche und ein totale Unterdrückung einer gewaltigen Mehrheit. Vergleicht man das mit heute, kann man sich theoretisch Gedanken machen: Was wäre wenn?

Genau.

Aber da unterstellen Sie, dass die Intervention der Nato die Massaker vom 24. März bis 12. Juni hervorgebracht hat. Das ist einfach falsch. Das war absehbar. Es war nicht so, dass man Milosevic nicht von anderen Krisenherden kannte. Schauen Sie sich die Bilanz in Bosnien an! Es ist nicht so, dass nichts passiert wäre, wenn die Nato nicht eingegriffen hätte. Die Geschichte läuft weiter. Wir haben das vor dem 24. März ausgiebig diskutiert, ich war dafür, andere waren dagegen. Wir stehen am heutigen Tag der Geschichte, und auch wenn es sehr schwierig ist, sehe ich keine Alternative, als diese UN-Mission voranzubringen. Ich habe keinen Tag bereut, hierher gekommen zu sein.

Misst man da nicht mit unterschiedlichen Ellen? Damals ist man sehr hart gegen die Serben vorgegangen, und jetzt schaut man zu, wie sie vertrieben werden.

Wir schauen ja nicht zu. Wir vertreiben sie auch nicht.

Aber es passiert. Und Sie haben die Verantwortung.

Wir versuchen unser Bestes, sie zu stoppen. Und wir haben unser Bestes versucht, die Massaker zu stoppen. Das haben wir erreicht. Wir haben nicht erreicht, dass es keine Verbrechen hier gibt. Das ist bedauerlich, da kämpfen wir weiter drum. Aber nun zu sagen: Hätten wir nicht interveniert, wäre nichts passiert?

Zwischen Nichtstun und Militärintervention gibt es immer noch Zwischenschritte.

Hätte es eine sehr deutliche, aber damals vielleicht besser begrenzbare Intervention fünf oder zehn Jahre vorher gegeben, hätte man sich in der Tat einiges erspart. Nur, die internationale Gemeinschaft war ja auch am 24. März nur mit knapper Mühe bereit, überhaupt zu intervenieren. In Srebrenica hätten wir intervenieren müssen ...

in Tschetschenien ...

Da würde ich auch sagen, dass wir viel stärker hätten intervenieren müssen, meines Erachtens nicht militärisch, weil wir das nicht hingekriegt hätten. Man muss sich auch überlegen, was man dann anrichtet. Aber meiner Ansicht nach hätte der Protest viel deutlicher ausfallen können.

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