Politik : Tony Blair im Sinkflug

Matthias Thibaut[London]

In eineinhalb Monate wählen die Briten voraussichtlich ein neues Parlament – und nicht nur der Kampf zwischen Labour-Partei und den Tories verspricht spannend zu werden. Kaum weniger faszinierend ist der stille parteiinterne Kampf zwischen Schatzkanzler Gordon Brown und Premier Tony Blair.

Jüngsten Meinungsumfragen zufolge steigt die Popularität des Schatzkanzlers rapide an, die des Spitzenkandidaten Blair sinkt: 52 Prozent der Wähler finden, dass Brown einen guten Job macht. Nur 17 Prozent würden das von Blair sagen, so eine Umfrage des „Daily Telegraph“. Labours Vorsprung schien vor ein paar Wochen noch uneinholbar. Nun beträgt er nach einer Umfrage des „Independent“ nur noch drei Prozent. Schuld ist der Vertrauensverlust, den Blair verzeichnen muss. Gewählt wird vermutlich am 5. Mai.

Brown ist seit seiner Haushaltsrede beflügelt. Sie kam gut an, weil er großzügig Wahlgeschenke versprach – die er aber, wie freie Busfahrten für Rentner, so billig hielt, dass sie fürs Erste nicht ins Gewicht fallen. Doch die Schulden der Briten steigen, auf niedrigem Niveau, aber unaufhaltsam.

„Vote now, pay later“, höhnte Oppositionschef Michael Howard. Blair klopfte Brown nach der Rede begeistert auf die Schulter. Brown würdigte ihn keines Blickes.

Als die Labour- Doppelspitze einen Tag später gemeinsam ein Wahlkampfplakat enthüllte, verstrickte sich Blair bei Presse-Nachfragen – über Browns Gesicht ging ein Strahlen. Es ging um die Labour-Behauptung, die Tories wollten die Staatsausgaben für Gesundheitsdienst, Schulen und Sozialprojekte um 35 Milliarden Pfund kürzen. Richtig ist, dass die Tories bei den Ausgabensteigerungen in sieben Jahren um 35 Milliarden Pfund unter Labour liegen wollen. Während Brown die Wirtschaftserfolge der letzten acht Jahre herunterrasselt, die längste ununterbrochene Wachstumsperiode seit 1701 und die niedrigste Arbeitslosigkeit seit den fünfziger Jahren, sehen die Tories warnend in die Zukunft und prophezeien steigende Staatsausgaben, Schulden, höhere Steuern und eine wachsende Rolle des Staates. Labour hatte den Briten versprochen, die harte Marktorientierung der Konservativen durch einen gütigen, sozial ausgleichenden Staat zu ersetzen.

„Die Wähler merken, wie ihre Steuern steigen, aber sie sehen nicht wofür“, sagt Tory-Chefstratege Liam Fox. Schlagzeilen über verschuldete Kliniken, Wartezeiten, abgesagte Operationen und durch penizillinresistente Bakterien verschmutzte Krankenhäuser scheinen ihm Recht zu geben. Nur Brown könne den Wahlkampf herumreißen, raunt mancher bei Labour – während die Downing Street Meldungen lanciert, Blair werde Brown nach der Wahl die Flügel stutzen, weil der seinen konservativen Instinkten im Weg stehe.

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