Topographie der Freiheit : Gauck und Komorwoski eröffnen Ausstellung zum Warschauer Aufstand

Mehr als 160000 Tote an 63 Tagen: Der Warschauer Aufstand von 1944 markiert ein besonders grausames Kapitel der Geschichte. Rund 70 Jahre später führt eine Ausstellung in Berlin die Ereignisse wieder vor Augen.

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Bundespräsident Joachim Gauck (M.) und der polnische Präsident Bronislaw Komorowski (hinter Gauck) eröffnen in den Ruinen der geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Berlin, zusammen mit Zeitzeugen, die Ausstellung "Der Warschauer Aufstand 1944". Im Hintergrund Reste der Berliner Mauer.
Bundespräsident Joachim Gauck (M.) und der polnische Präsident Bronislaw Komorowski (hinter Gauck) eröffnen in den Ruinen der...Foto: dpa

„Wir können die Geschichte nicht ändern“, leitet Polens Präsident Bronislaw Komorowski seine Rede ein. „Aber wir können besser oder schlechter mit ihr leben.“ Eine Lehrstunde, wie dieses „Besser“ aussehen kann, boten er und Bundespräsident Joachim Gauck am Dienstag in der Topographie des Terrors in Berlin. Gemeinsam eröffneten sie eine Ausstellung zum Warschauer Aufstand vor 70 Jahren: eines Aufstands, der im Geschichtsbild der Polen einen zentralen Platz hat, in dem der Deutschen dagegen kaum bekannt ist oder mit dem jüdischen Ghetto- Aufstand 1943 verwechselt wird.

Der Warschauer wird oft mit dem Ghetto-Aufstand verwechselt

Der Standort symbolisiert für einige Teilnehmer einen späten moralischen Sieg. Hier hatten SS und Gestapo ihre Hauptquartiere. Von hier gingen die Befehle aus, Warschau dem Erdboden gleichzumachen. 70 Jahre später sind Veteranen der polnischen Untergrundarmee unter den Ehrengästen, erkennbar am Barett, der Armbinde in den polnischen Farben Weiß-Rot und dem Anker als Symbol des „kämpfenden Polen“. Gauck begrüßt sie besonders herzlich.

Geschichte mit den Augen der anderen sehen, darin können sich Präsidenten in diesem an Gedenktagen reichen Jahr 2014 üben. Gauck hat sichtbar Freude daran. Er tut es mit persönlicher Entdeckerlust und erwähnt, zum Beispiel, dass der Kommandeur des Aufstands, Tadeusz Bór-Komorowski, ein entfernter Verwandter des polnischen Präsidenten war. Mitunter lässt er fast Missionsdrang erkennen, „Empathie für das Leiden der anderen“ bei den Deutschen zu wecken. Er lobt erneut den Freiheitswillen der Polen als ihre „Gabe an Europa“. Militärisch war der Aufstand der schlecht ausgerüsteten Untergrundarmee zum Scheitern verurteilt – erst recht, als die Unterstützung der Alliierten ausblieb. Die Rote Armee, die bereits am anderen Weichselufer stand, stoppte ihren Vormarsch und verweigerte Briten und Amerikanern, die die Aufständischen mit Nachschub unterstützen wollten, Landerechte.

Stalin wollte verhindern, dass Polen ihre Hauptstadt aus eigener Kraft befreien. Dort sollten Kommunisten als Sieger einziehen. Komorowski zieht eine Verbindung zum Hitler-Stalin-Pakt, in dem sie vor Kriegsbeginn die Aufteilung Polens festlegten: „Wie 1939 arbeiteten zwei verbrecherische Systeme zusammen, um den Freiheitswillen der Polen zu unterdrücken.“ Eine andere Schande, auf die beide Präsidenten hinwiesen, war die Nachsicht, mit der die junge Bundesrepublik Kriegsverbrecher behandelte: Heinz Reinefarth, einer der „Schlächter von Warschau“, entging der Strafe, wurde nach dem Krieg Bürgermeister von Westerland und Landtagsabgeordneter.

Ansonsten ziehen Gauck und Komorowski positive Lehren. Trotz Nazi-Besatzung baute Polen einen Untergrundstaat auf: mit Zivilverwaltung, Zeitungen, Radiosendern, einem Bildungssystem mit einer Untergrunduniversität, an der Tausende studierten. Polen blickt mit Stolz auf den Aufstand, auch wenn er nach 63 Tagen niedergeschlagen wurde. Für Komorowski und seine „Solidarnosc-Generation“ wurde er zum „Vorbild für unseren Widerstand in den achtziger Jahren“ gegen die kommunistische Diktatur. Dieser Freiheitskampf der Polen, sagt Gauck, „gab der DDR Mut, als wir noch mutlos waren“. Heute, so schließen beide ihre Reden, kämpfen Polen und Deutsche gemeinsam für Frieden, Freiheit und Demokratie. Ihr Europa ist keine „Topographie des Terrors“ mehr. Europa ist eine „Topographie der Freiheit“ geworden.

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