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Tor-Projekt : Internetaktivist Jacob Appelbaum weist Missbrauchsvorwürfe zurück

Der Wikileaks-Aktivist und Snowden-Unterstützer soll mehrere Menschen sexuell genötigt haben. Appelbaum, der deshalb das Tor-Projekt verlässt, wehrt sich.

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Gegen den US-amerikanischen Internetaktivisten Jacob Appelbaum gibt es Missbrauchsvorwürfe.
Gegen den US-amerikanischen Internetaktivisten Jacob Appelbaum gibt es Missbrauchsvorwürfe.Foto: dpa/Britta Pedersen

Jacob Appelbaum hat sich erstmals zu den anonymen Anschuldigungen gegen ihn geäußert. Über Twitter verbreitete der Hacker und Aktivist ein Statement, dessen zentraler Satz lautet: "Die Vorwürfe gegen mich zu krimineller sexueller Nötigung (engl. sexual misconduct, wörtl. "Fehlverhalten") sind komplett falsch."

Sexuelle Nötigung, psychische Manipulation, Plagiarismus: Mehrere, teils anonyme Menschen erheben schwere Vorwürfe gegen den Aktivisten, Hacker und Journalisten. Seine Stelle beim Tor-Projekt hat Appelbaum deswegen aufgegeben. Eine entsprechende Erklärung veröffentlichte die Geschäftsführerin Shari Steele im Blog des Projekts.

Der US-Amerikaner Appelbaum war jahrelang das Sprachrohr des Tor-Projekts, dessen gleichnamige Anonymisierungssoftware von Journalisten, Dissidenten, aber auch Polizisten und Militärs genutzt wird, um sich unerkannt im Internet zu bewegen, sicher zu kommunizieren und Zensur zu umgehen. Der 33-Jährige bekam für seine Arbeit zwischen knapp 50.000 und knapp 100.000 US-Dollar im Jahr, wie aus den Geschäftsberichten des Tor-Projekts hervorgeht.

Der langjährige Wikileaks-Aktivist ist ein Vertrauter von Julian Assange und lebt seit rund drei Jahren in Berlin, weil er fürchtet, in den USA für seine Beteiligung an den Wikileaks-Enthüllungen angeklagt zu werden. Dem "Spiegel" half Appelbaum bei der Berichterstattung über die Snowden-Enthüllungen, in mehreren Artikeln wird er als Mitautorgenannt. Zuletzt hatte er als Doktorand an der Technischen Universität Eindhoven im Bereich Post-Quanten-Kryptografie geforscht.

Anonyme Berichte im Netz

Nun sind auf der Seite jacobappelbaum.net mehrere Berichte veröffentlicht worden, in denen die anonymen Verfasser Appelbaum beschuldigen, sie sexuell genötigt, gedemütigt und manipuliert zu haben. Zwei Personen berichten, Appelbaum habe gegen ihren Willen sexuelle Handlungen an ihnen vorgenommen, als sie schliefen beziehungsweise bewusstlos waren.

Alle bisher veröffentlichten Berichte legen nahe, dass die Verfasser sehr enge, oft auch intime Beziehungen zu Appelbaum hatten. Inwiefern die geschilderten Erlebnisse der Wahrheit entsprechen und ob eine der Personen Strafanzeige erstattet hat, ist unklar.

Auf Twitter äußern sich einige prominente Mitglieder der Krypto- und Hacker-Community in der Sache ähnlich, auch wenn sie selbst nicht betroffen sind. Die Sicherheitsforscherin Meredith L. Patterson etwa schreibt, Appelbaum habe wohl "endlich genug Menschen vergewaltigt, damit das Tor-Projekt es nicht länger ignorieren kann".

Der Hacker Nick Farr nennt Appelbaum den "charismatischsten Plagiator, Opportunisten, Vergewaltiger und Soziopathen", den er kenne. 


Das Tor-Projekt kannte die Vorwürfe

Im offiziellen Statement des Tor-Projekts heißt es: "Die Vorwürfe waren nicht für jeden beim Tor-Projekt ganz neu; sie passen zu Gerüchten, die manche von uns schon seit einiger Zeit hören." Von den nun sehr konkreten Berichten sei man "zutiefst verstört". Das Tor-Projekt sei aber keine Untersuchungsbehörde und wolle "das private Benehmen" von Menschen nicht beurteilen. Das Projekt lasse sich nun von einer Kanzlei beraten, die unter anderem auf den Umgang mit "sexuellem Fehlverhalten" (engl. sexual misconduct) spezialisiert sei. Wer sich als Opfer eines Verbrechens fühle, solle sich an die Polizei wenden.

Der letzte Satz von Geschäftsführerin Steele lautet: "Wir gehen davon aus, dass dies unsere einzige öffentliche Verlautbarung in dieser Angelegenheit sein wird."

Die erste Fassung dieses Textes erschien zuerst bei ZEIT Online.

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