Tornado-Einsatz : Abflug der Aufklärer

Hochkarätige Besetzung, ernste Gesichter: Der Verteidigungsminister verabschiedet zehn Bundeswehr-Tornados nach Afghanistan. Manchen ist es mulmig zu Mute. Eine Reportage von Rieke Beckwermert

Jagel - Die Piloten geben Schub, rasen über die Startbahn. Dumpfes Donnergrollen. Dann wird es still. Dunkler Rauch steigt auf, als die Tornados auf ihr Start-Kommando warten. Ein hochsymbolischer Abschied steht bevor, auf den das Land blickt. Ein Abschied, sorgsam in Szene gesetzt. Für ernste, aufmerksame, stolze und für traurige Menschen. Je nachdem, welcher der vier Welten jene angehören, die an diesem Montagmorgen auf den Fliegerhorst im schleswig-holsteinischen Jagel gekommen sind: Politik, Medien, Militär oder Soldatenfamilien. Die Bundeswehr achtet sehr darauf, dass diese Welten einander nicht zu nahe kommen. Der Abschied, so scheint es, soll nicht nur vom Ablauf her, sondern auch emotional auf der geplanten Route vonstatten gehen. Es ist der Tag, an dem deutsche Soldaten zu einem heftig umstrittenen Bundeswehr-Einsatzes nach Afghanistan aufbrechen, nach langem parlamentarischen Hin und Her.

Zusammen mit den Soldatinnen und Soldaten des Geschwaders 51 "Immelmann" werden an diesem sonnigen Vormittag zehn Aufklärungs-Tornados in den dunstig-blauen Himmel starten. Nach Zwischenstopps in Sardinien und den Vereinigten Arabischen Emiraten werden noch sechs Maschinen am Donnerstag im Bundeswehr-Stützpunkt Masar-i-Scharif in Nordafghanistan erwartet. Ab Mitte April sollen die Jets für die von der Nato geführte Isaf-Mission Aufklärungsflüge übernehmen. Ihre hochauflösenden Kameras sollen Taliban-Stellungen aufspüren. Nur kämpfen, das wird Verteidigungsminister Franz Josef Jung an diesem Morgen immer wieder sagen, kämpfen sollen die Soldaten nicht.

Manchen ist mulmig

Der Einsatz ist bis zum 13. Oktober befristet, er wird etwa 35 Millionen Euro kosten. Vorausgesetzt, das Bundesverfassungsgericht segnet die Mission am 18. April endgültig ab. Jung sagt, an "Spekulationen" wolle er sich nicht beteiligen. Doch niemand in Jagel scheint zu erwarten, dass die Mission doch noch abgebrochen werden könnte; dass die rund 200 Soldaten und 600 Tonnen Material wieder nach Deutschland zurückgeholt werden. Es lässt sich an den Gesichtern ablesen. Am stolzen Ausdruck im Gesicht des Schwagers von Oberst Thorsten Poschwatta, dem Jageler Stützpunkt-Kommandanten.

Der Mann spricht und spricht, während in Halle 153 alle auf den feierlichen Appell des Verteidigungsministers warten. Die Mutter eines kleinen Jungen hält minutenlang die Mütze ihres Kindes an den Mund gepresst. Es gehe ihr nicht gut, sagt sie. Die meisten Angehörigen aber zeigen kaum Gefühle. Den schmerzlichen Abschied haben viele von ihnen hinter sich. Am vergangenen Wochenende waren 120 Ehefrauen in Jagel, um sich erklären zu lassen, wie der Einsatz genau abläuft. Silke S. etwa. Ob sie Angst habe um ihren Mann? "Nein", sagt die 37-Jährige mit dem Kurzhaarschnitt. "Die sind so abgesichert, da kann nichts passieren." Ihr Mann hat mal gesagt, es sei ein "einkasernierter Urlaub", der ihm da bevorstehe. Die beiden Töchter vermissen ihren Vater. Er ist einer jener Piloten, die schon in Afghanistan sind. Der Urlaub wird noch etwas dauern. Die Soldaten bleiben drei Monate in Masar-i-Scharif, so ist es vorgesehen.

Ein kurzer Abschied

In der Halle 153 herrscht inzwischen Kirchenatmosphäre. Tonlose Erwartung und Anspannung. Kleine Kinder kichern plötzlich ganz laut. Der kurze Abschiedsappell beginnt. Auch an dessen hochkarätiger Besetzung lässt sich ablesen, dass der Einsatz in Afghanistan ein sehr wichtiger ist. Verteidigungsminister, Generalinspekteur der Bundeswehr, Schleswig- Holsteins Ministerpräsident, verteidigungspolitische Sprecher der Bundestagsfraktionen. Kommandos verhallen. Soldaten salutieren. Jung erscheint. Zack-zack Hände, eben noch hinter dem Rücken verschränkt, werden stramm an die Schenkel gestreckt, Seite an Seite. Fünf Minuten nimmt sich Jung. Es sei ihm ein besonderes Anliegen hier zu sein, sagt er. Stakkatohaft und ohne emotionale Höhen und Tiefen in der Stimme.

"In diesem Einsatz geht es um vernetzte Sicherheitspolitik." An die an die "lieben Soldatinnen und Soldaten" gewendet, sagt er: "Sie sorgen für mehr Klarheit über die Situation am Boden." Das diene dem Schutz der Isaf-Kräfte, und Jung wird lauter, "Sie stehen vor einer anspruchsvollen Aufgabe, physisch und psychisch. Aber dafür seien sie ja ausgebildet, vorbereitet, ausgerüstet." Er spricht sein volles Vertrauen aus, wünscht alles Gute, eine glückliche Hand, gesunde Heimkehr und Gottes Segen. Abtritt Minister. "Nett", findet Piloten-Ehefrau Silke S. die Ansprache, "mehr nicht." Als sie geht, muss sie doch noch einen kurzen Kommentar loswerden. "Wahnsinn, dieses Schauspiel." Sie lacht kurz auf, hoch und spitz. Dabei hat die eigentliche Show da noch gar nicht begonnen. In Bussen werden Medienvertreter an das Rollfeld kutschiert, Politiker und Angehörige fahren in Limousinen vor. Ein rot-weißes Absperrband zeigt der Presse an, wo sie zu stehen hat. In gebührender Entfernung.

Tornados vom Typ "Recce"

Dann rollen sie heran, die hellgrauen "Recce"-Tornados. Aus der Ferne wirken sie wie riesige Insekten. Vorneweg Oberst Thorsten Poschwatta im ersten Jet. Nach Vorschrift verabschieden ihn Verteidigungsminister und Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, in der ersten Reihe: Man salutiert, man winkt, man nickt. Minister Jung hält den Daumen hoch. Im Hintergrund versuchen Familienangehörige, diesen Moment einzufrieren: Handy-Kameras klicken. Bevor die Jets starten, rollen sie vollgetankt an den Politikern vorbei. Der Stab der Presseoffiziere ist beeindruckt: "So tief gelegte Tornados habe ich noch nie gesehen", sagt einer. Die Jets seien bis zum Rand voll mit Treibstoff.

"Das ist kein Flugschautag", sagt Ministerpräsident Carstensen irgendwann, der Einsatz sei gefährlich. Die Maschinen seien unterwegs zu einem "Einsatz an die Front". Davon, dass Taliban-Chef an diesem Morgen mit Tausenden Selbstmordattentätern in ganz Afghanistan gedroht hat, ist in Jagel nicht die Rede. Die Piloten geben maximalen Schub, rasen über die Startbahn. Drei Zweierformationen fliegen hintereinander weg. Dumpfes Donnergrollen. Dann wird es still. Später sagt Verteidigungsminister, dieser Moment habe ihn bewegt. Der Satz wirkt, wie vieles an diesem Morgen, gut einstudiert. (Tsp)

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