Politik : Total objektiv

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Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

In Anfänger-Vorlesungen zum Strafrecht und im Kabarett ist sie ein Dauerbrenner: die Selbstbeschreibung der Staatsanwaltschaft als „objektivste Behörde der Welt". Der Staatsanwalt nämlich ist gehalten, nicht nur alles zusammenzutragen, was gegen den Verdächtigen spricht, sondern mit gleichem Eifer alles, was den eventuellen Delinquenten entlastet. Das klappt mal gut und mal weniger, wobei nicht selten das „weniger“ einfach daran liegt, dass der Verdächtige sich falsch benimmt: nämlich verdächtig oder ungeschickt oder schlicht unsympathisch. Diesen, sagen wir, menschlichen Faktor kennen wir hier hinter den Linden ganz gut, obwohl wir ja den objektivsten Journalismus der Welt machen. Immerhin mühen wir uns redlich, nicht nur alles zusammenzutragen, was gegen einen Politiker spricht, sondern auch allerlei, was den potenziellen Delinquenten entlastet. Das klappt mal gut und mal weniger, wobei das „weniger“ nicht selten einfach daran liegt, dass das Beobachtungsobjekt sich falsch benimmt. Nehmen wir als Beispiel einen Politiker – keine n, bitte – mit konstant mieser Presse. Nun tut und redet der Mann gewiss vieles, was einen Verriss rechtfertigt. Aber diese Dauer-Beschimpfung hat er nicht verdient. Oder sagen wir konjunktivisch: hätte. Wenn der Mann es sich nicht zur Gewohnheit gemacht hätte, so ab 21 Uhr 30 zum Gespräch zu bitten und selbiges bis kurz vor Mitternacht auszudehnen. Oder einzuladen an Tagen, an denen die ganze Pressebande eigentlich frei hat, weil der nächste Tag ein Feiertag ist und keine Zeitung erscheint. So was macht miese Laune. Und schlecht gelaunte Staatsanwälte ermitteln nun mal nicht mehr völlig objektiv. Robert Birnbaum

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