Tote Geisel Rüdiger G. : „Ich fühle mich sehr unsicher“

Vor einem Jahr gab der jetzt in Afghanistan ums Leben gekommene deutsche Ingenieur ein Interview.

Der deutsche Bauingenieur Rüdiger D. ist in Geiselhaft afghanischer Entführer gestorben. Im Juni vergangenen Jahres hatte heute.de mit ihm ein Interview geführt. Mit freundlicher Genehmigung von heute.de drucken wir das Gespräch im Folgenden ab.

Wie sicher oder unsicher fühlen Sie sich in Kabul?

Ich fühle mich sehr unsicher. Ich denke, Afghanistan ist ein Pulverfass. Allein in diesem Jahr sind im Land schon 20 Autobomben hochgegangen, überall werden die Sicherheitskräfte verstärkt. Ich habe schon das Gefühl, dass die Stimmung auf jeden Fall aggressiver ist als im vergangenen Jahr. Ich denke, dass bis Ende des Jahres viele Ausländer das Land verlassen müssen. Ich persönlich kann niemandem raten, hier zu investieren. Die Aufträge sind aber auch schon weniger geworden.

Wie begegnen Ihnen die Einheimischen?

Viele sind relativ distanziert. Aber das Verhältnis zu unseren afghanischen Mitarbeitern ist doch herzlicher geworden. Ich merke zum Beispiel in Gesprächen, dass sie Vertrauen zu uns haben und dass sie wissen, dass es gut ist, dass wir da sind.

Wie sieht Ihr Alltag aus? Werden Sie zum Beispiel von Sicherheitskräften bewacht?

Meine Kollegen und ich haben einen Fahrer, der uns zur Baustelle fährt und wieder abholt. Aber er ist nicht bewaffnet. Einen richtigen Bodyguard haben wir nicht. Wir gehen auch nur auf die Straße, wenn es unbedingt notwendig ist, wenn wir zum Beispiel etwas einkaufen müssen. Wir sehen aber zu, dass wir so schnell wie möglich wieder in unsere Unterkunft zurückkehren.

Wie haben Sie die Ausschreitungen Ende Mai erlebt, bei denen es ja zu Kämpfen zwischen der Zivilbevölkerung und der Polizei kam?

Ich hatte sechs Stunden lang Angst. Meine Kollegen und ich waren in unserer Unterkunft und haben alles aus der Deckung mitbekommen. Im Umkreis haben fünf Häuser gebrannt, 20 Meter vor unserem Haus lagen zwei Tote und überall liefen Polizisten durch die Gegend. Die haben dann auch irgendwann auf die Aufständischen geschossen. Unsere afghanischen Mitarbeiter haben sich auf die Kreuzung gestellt und den Aufständischen versichert, dass in dieser Straße keine Ausländer mehr wohnen, so dass unsere Unterkunft verschont geblieben ist.

Gibt es Überlegungen seitens Ihrer Firma, sich aus Afghanistan zurückzuziehen, falls sich die Situation verschärft?

Meine Kollegen und ich haben beschlossen, das Land sofort zu verlassen, ohne Rücksicht auf die Firma, falls noch mal etwas passiert.

Wie beurteilen Sie den Einsatz der internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe Isaf?

Ich fände es besser, wenn die Isaf-Soldaten auch bei der einheimischen Polizei eingesetzt werden würden. Während der Ausschreitungen habe ich keine Isaf- Truppen gesehen. Im Grunde genommen müssen auch Ausländer sehr vorsichtig sein, wenn die Isaf auf den Straßen Patrouille fährt, denn die Soldaten schießen auf alles, was sich dem Konvoi nähert. Ich denke aber, wenn ich mich dort melden und um Zuflucht bitten würde, dann könnte ich auch dort bleiben. Aber in einer Notsituation würde ich mich eher auf Einheimische verlassen, denen traue ich dann eher zu, die Lage in den Griff zu bekommen.

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