Tote Soldaten in Afghanistan : Regierung weist Vorwurf der Mitschuld entrüstet zurück

Der stellvertretende Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, sprach der Bundesregierung in einem Interview eine Mitschuld am jüngsten tödlichen Anschlag auf deutsche Soldaten in Afghanistan zu. Es sei versäumt worden, den zivilen Aufbau zu verstärken. Die Regierung weist die Anschuldigung in scharfer Form zurück und findet den Vorwurf "geschmacklos".

Passau/PotsdamIn einem Interview gab Ulrich Kirsch, der Vizevorsitzende des Bundeswehrverbandes, am Mittwoch der Regierung eine Teilschuld am Tod der beiden Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Die Bundesregierung könne sich einer gewissen Verantwortung nicht entziehen: Zwar habe der Bundestag das Bundeswehrmandat gerade verlängert und um 1000 Soldaten aufgestockt. Doch sei es versäumt worden, im gleichen Zuge den zivilen Aufbau zu verstärken, sagte er der "Passauer Neuen Presse".

"Die große Koalition betont zwar, dass unsere Aufgabe in Afghanistan zu 80 Prozent durch zivilen Aufbau gelöst werden muss. Nur: 80 Prozent der deutschen Gelder fließen in den Militäreinsatz", kritisierte Kirsch. "Das ist eine Schieflage." Es sei unverantwortlich, jetzt den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan zu fordern. "Unverantwortlich handelt jedoch auch, wer nicht dafür sorgt, dass der zivile Aufbau endlich in Gang kommt."

"In dieser Situation geschmacklos"

Die Bundesregierung weist die Vorwürfe Kirschs wegen des Todes zweier Soldaten in Nordafghanistan in scharfer Form zurück. Die Kritik des stellvertretenden Verbandsvorsitzenden, wonach die Bundesregierung an dem jüngsten Anschlag Mitschuld trage, seien im Bundeskabinett am Mittwoch "auf gänzliches Unverständnis gestoßen", sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg anschließend in Berlin. Kirschs Äußerung sei "in dieser Situation geschmacklos" und "verantwortungsloses Gerede". Es wäre angemessen, "wenn eine solche Äußerung mit dem Ausdruck des Bedauerns sehr schnell zurückgenommen wird".

Steg betonte, dass die Bundesregierung bei dem Afghanistan-Einsatz nach dem "klaren Grundsatz" handele, dass es ohne zivilen Aufbau in dem Land keine Sicherheit geben werde, aber ohne Sicherheit auch kein Wiederaufbau möglich sei. Beide Komponenten seien für den Einsatz unverzichtbar, und für beide stelle die Regierung auch Mittel bereit, die in den vergangenen Jahren aufgestockt worden seien.

"Das wird auf dem Rücken unserer Soldaten ausgetragen"

Er verwies zudem darauf, dass es sich bei der Bundeswehr-Patrouille vom Montag um eine "im Grunde genommen vorbildliche Einsatzfahrt" mit geschützten Fahrzeugen sowie einer Mischung von deutschen und afghanischen Kräften gehandelt habe, an der auch Ärzte teilgenommen hätten. Gegen einen "derart heimtückischen Anschlag" könne man sich aber "nicht mit letzter Gewissheit schützen".

Auch von seinem eigenen Verband erhält Kirsch keine volle Rückendeckung. Der Verbandssprecher Wilfried Stolze trat dem Eindruck entgegen, dass Kirsch die Meinung des Bundeswehrverbandes vertreten würde. Zwar sei der Aus- und Aufbau von Verwaltung, Justiz, Polizei und ziviler Infrastruktur in dem Krisenstaat ins Stocken geraten, vor diesem Hintergrund sei die Haltung des Verbandes aber: "Das wird auf dem Rücken unserer Soldaten ausgetragen." Von einer Mitschuld der deutschen Politik an dem Attentat könne jedoch keine Rede sein.

Zwei Soldaten und fünf Kinder starben beim Anschlag

Bei dem Anschlag am Montag im Norden Afghanistans waren zwei Bundeswehrsoldaten von einem Selbstmordattentäter auf einem Fahrrad mit in den Tod gerissen worden. Auch fünf afghanische Kinder starben bei dem Anschlag, zwei weitere Soldaten wurden verletzt. Bei einer Trauerfeier in Kundus nahmen am Mittwoch mehr als 500 Soldaten Abschied von den 22 und 25 Jahre alten Kameraden des Fallschirmjäger-Bataillons aus dem pfälzischen Zweibrücken. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam sprach anschließend von einer "ergreifenden Trauerfeier", bei der viele Tränen geflossen seien.

Nach der Zeremonie startete ein Flugzeug mit den Särgen der Soldaten zum Lufttransportstützpunkt Termes in Usbekistan. Von dort aus sollen sie mit einem Luftwaffen-Airbus nach Zweibrücken geflogen werden. Die Ankunft der Maschine, in der sich den Angaben zufolge auch einer der verletzten Soldaten befindet, wird für Mittwochabend erwartet. Nach Angaben der Bundeswehr findet am Freitag in der Alexanderskirche in Zweibrücken eine Trauerfeier statt. Auch Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) und der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, wollen dann Abschied von den toten Soldaten nehmen. (ah/AFP)

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