Politik : Tottenham ist überall

Angesichts der fortgesetzten Randale in London wird über die Gründe gestritten. Oben auf der Liste der Sündenböcke: die Polizei

Quer durch London. Polizisten sichern ein ausgebranntes Gebäude im Nordlondoner Viertel Tottenham. Schäden nach Randale gab es auch in Brixton südlich der Themse. Fotos: dpa
Quer durch London. Polizisten sichern ein ausgebranntes Gebäude im Nordlondoner Viertel Tottenham. Schäden nach Randale gab es...Foto: dpa

In London begannen am Montag nach einer zweiten Nacht mit Plünderungen und Krawallen die Aufräumungsarbeiten. Und die Suche nach den Sündenböcken. Die Polizei verstärkte ihre Einsatzkräfte erneut, um weitere „Nachahmer-Krawalle“ im Keim zu ersticken. „Es werden noch mehr Beamte abgestellt, sie werden noch einsatzbereiter und noch tapferer sein, um London so sicher wie möglich zu machen“, versprach der stellvertretende Bürgermeister Kit Malthouse, der die Urlaubsvertretung für Bürgermeister Boris Johnson macht. „Aber wir können nicht ständig eine Reservearmee in Londons Straßen bereithalten“, fügte er hinzu. Der Sachschaden beläuft sich schätzungsweise auf über 100 Millionen Pfund. Insgesamt wurden 215 Personen festgenommen. Und auch am Montagabend kam es zu neuen Krawallen in mehreren Londoner Stadtteilen. So lieferten sich in Hackney nordöstlich der Innenstadt rund 100 Randalierer Auseinandersetzungen mit der Polizei. Sie warfen Gegenstände auf Polizeiautos und brachen in Schaufenster ein.

Zuvor hatte die zweite Welle von Gewalt die Polizei in der Nacht zum Montag erneut auf eine harte Probe gestellt. Polizisten machten soziale Netzwerke verantwortlich. Über Twitter, Blackberrys und SMS verabredeten sich Randalierer zunächst in Enfield, ein paar Kilometer von Tottenham entfernt. Die Gruppen lösten sich dann wieder auf, um sich an anderen Orten neu zu formieren. Sogar südlich der Themse im inzwischen fast schon wohlhabenden Brixton, das in den achtziger Jahren noch ein Schwarzenghetto und Schauplatz schwerer Rassenkrawalle war, wurde ein Sportgeschäft geplündert und angezündet.

„Es war grundloser, opportunistischer Diebstahl und Gewalt, nicht mehr, nicht weniger“, sagte Vizepremier Nick Clegg. Innenministerin Theresa May forderte alle Bürger auf, konstruktiv mit der Polizei zusammenzuarbeiten, „damit wir diese Kriminellen vor Gericht bringen können“. May war am Montag aus dem Auslandsurlaub nach London zurückgekehrt, um die Reaktion der Regierung zu koordinieren. Denn während London brennt, sind die meisten Verantwortlichen einschließlich Premier David Cameron im Urlaub. Auch die für Tottenham zuständige Polizeichefin Sandra Lobby war am Samstag, vor Ausbruch der Krawalle, verreist.

An möglichen Schuldigen war jedenfalls kein Mangel: Soziale Netzwerke, Bandenkriminalität, Drogensucht, steigende Jugendarbeitslosigkeit wurden genannt. Auch die Kürzung von 75 Prozent oder 1,5 Millionen Pfund im Jugendetat des Bezirks Haringey, in dem das Krawallviertel Tottenham liegt, gehört dazu.

Am Weitesten wagte sich der frühere Londoner Bürgermeister Ken Livingstone vor, der kurzerhand die stagnierende Wirtschaft und die von der Regierung verhängten Sparmaßnahmen für soziale Konflikte verantwortlich machte. Livingstone sprach als Wahlkämpfer. Im nächsten Jahr will er wieder Londoner Bürgermeister werden.

Die „Sun“ sah als Schuldigen kurzerhand einen „kriminellen Mob“ und taufte ihn „den Feind im Inneren“. Krawallmachern gehe es nicht um soziale Gerechtigkeit, sondern Diebstahl, Brandstiftung und Gewalt. „Einige der Randalierer waren erst sieben Jahre alt. Kann man dafür die Polizei oder die Regierung verantwortlich machen?“

Die Polizei steht oben auf der Liste der Sündenböcke. Sie musste sich Führungslosigkeit vorwerfen lassen – nachdem der Polizeichef im letzten Monat zurückgetreten war. Auch die Londoner G-20-Proteste 2009 und die Ausschreitungen bei den Demonstrationen gegen das Sparpaket in diesem Jahr zeigten, dass Scotland Yard beim Vorgehen gegen Massenrandale unglücklich agiert. Schwarze Einwohnergruppen in Tottenham warfen ihr vor, sie habe „die Situation zu lange eskalieren lassen“.

Immer wieder wird auch der Vorwurf erhoben, die Polizei habe Vorurteile gegen Schwarze und gehe besonders brutal gegen sie vor. Die Tötung eines mutmaßlichen schwarzen Waffenhändlers, die der Auslöser der Krawalle war, soll diese Polizeibrutalität manifestiert haben. Gerüchte um die Erschießung des 29-jährigen Mark Duggan wurden am Wochenende so heftig, dass die unabhängige Polizeiaufsichtsbehörde IPCC ein ungewöhnliches Dementi abgab: Spekulationen, Duggan sei „in einer Art Hinrichtung durch mehrere Schüsse in den Kopf“ von der Polizei ermordet worden, seien „kategorisch falsch“.

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