Politik : Träume, Schrecken

Robert von Rimscha

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Am schönsten aller denkbaren Orte wurde am Wochenende der transatlantische Konferenz-Marathon fortgesetzt. Er findet seit zwei Wochen in Berlin statt und bezweckt die Verbesserung der Beziehungen zwischen Deutschland und den USA. Diesmal war es die Atlantik-Brücke, die geladen hatte. Eröffnet wurde das Treffen in der Alten Nationalgalerie. Welch ein Rahmen! Und was für ein schwieriges Unterfangen! Trefflich stritten Politiker, Militärs, Wirtschaftsvertreter und Professoren, ob Europa nun ohnmächtig und irrelevant sei, oder ob vielmehr in der Wiederbelebung der Nato die einzige Chance liege, den Atlantik zu überbrücken. Der Dialog war offen, was stets eine gute Voraussetzung ist: Die Deutschen nahmen die Worte „Imperialismus“ und „Hegemonie“ in den Mund, und die Amerikaner revanchierten sich mit „Feigheit“ und „Geschichtsvergessenheit“. Nun ist es schwer, dreitägige Debatten fair zusammenzufassen. Doch zwei Bekenntnisse zweier sehr unterschiedlicher Deutscher ragten heraus. Zum einen Wolfgang Ischinger, Botschafter in Washington. Amerika stelle jahrhundertealte Normen des Völkerrechts in Frage – dies sei die Wurzel des Irak-Streits, meinte Ischinger in Bemerkungen, die er als persönliche verstanden haben wollte: „Es wäre keine schlechte Sache, wenn die ganze Welt aussähe wie die EU!“ Angela Merkel dagegen fand improvisierend zum Kern ihres Reformwillens. „Ich habe mich nicht auf die deutsche Einheit gefreut, um danach in Deutschland wieder als kranker Mann Europas wahrgenommen zu werden“, rief die CDU-Chefin. Die Bundesrepublik als große DDR, gleich erstarrt und verknöchert: ein Schreckbild. Ihr Schreckbild.

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