Politik : Traktordemonstration aus Gorleben mit Ziel Berlin

Reimar Paul

Wenig erinnert an die Stimmung der erfolgreichen Proteste im März 1979Reimar Paul

In Arendsee, verspricht Susanne Kamien, gibt es frische Brötchen. Ein Bäcker habe zugesagt, Körbe mit Backwaren an der Straße zu deponieren. Susanne Kamien ist Vorsitzende der Bäuerlichen Notgemeinschaft des Wendlandes, und Arendsee in Sachsen-Anhalt wird die erste Station der Traktordemonstration sein, zu der atomkritische Landwirte aus dem Kreis Lüchow-Dannenberg gestern früh aufgebrochen sind.

Rund 80 Treckerfahrer, nicht ganz so viele wie erwartet, haben sich schon kurz nach Sonnenaufgang auf dem Schützenplatz in Lüchow versammelt. Gegen den Frost sind sie mit dicken Pullovern, Handschuhen und Mützen geschützt. Kurz nach acht Uhr lassen die Bauern die Motoren an, und vorbei an ein paar Nachbarn und Aktivisten der Bürgerinitiative, die zum Winken gekommen sind, rollt der Konvoi aus der Stadt und auf die Bundesstraße 5 Richtung Berlin - eskortiert von Polizeimotorrädern. An den meisten Treckern hängen Transparente. "Radioaktivität macht vor Politikern nicht Halt", steht da. Oder: "Trittin, aussteigen!" Auch ein Anhänger mit der maßstabsgetreuen Nachbildung eines Castor-Behälters rollt im Zug mit.

In der Hauptstadt wollen die Landwirte am heutigen Sonnabend gemeinsam mit Atomkraftgegnern aus dem gesamten Bundesgebiet für den Atomausstieg und eine andere Energiepolitik demonstrieren.

Mit ihrer Aktion wollen die Bauern Assoziationen an den Treck vor über 20 Jahren wecken. Im März 1979 waren rund 300 Landwirte aus Lüchow-Dannenberg mit ihren Traktoren nach Hannover gerollt. Sie wurden dort von mehr als 100 000 Demonstranten empfangen. Unter dem Druck der Proteste verkündete der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) wenig später das Aus für die in Gorleben geplante Wiederaufarbeitungsanlage.

Tatsächlich drängen sich Vergleiche auf: Wenige Tage vor dem Hannover-Treck schmolz der Kern im US-amerikanischen Atomkraftwerk Harrisburg. In diesem Herbst war es ein Arbeiter in der japanischen Brennelementefabrik Tokaimura, der schnell nach Hause wollte und Kollegen anrief, eine zu große Menge hochangereichertes Uran in einen Tank einzufüllen. Damals wie heute kam es zu einer unkontrollierten Kettenreaktion, damals wie heute mussten Liquidatoren das Schlimmste verhüten.

Die Bäuerliche Notgemeinschaft, die damals wie heute die Initiative zu dem Treck ergriffen hat, entstand vor mehr als 22 Jahren nach der Benennung von Gorleben als Standort eines "Nuklearen Entsorgungszentrums". Zu dem Treffen der Initiative kommen regelmäßig bis zu 300 Teilnehmer, darunter auch Landwirte aus den benachbarten Landkreisen Uelzen und Lüneburg. Außer mit dem Treck nach Hannover hat die Notgemeinschaft auch mit anderen spektakulären Aktionen für Aufsehen gesorgt. Immer wieder kippten die Landwirte Mist aus ihren Ställen vor Atomanlagen oder Baustellen ab. Vor den letzten Castortransporten blockierten Dutzende Trecker die Straße zum Zwischenlager.

An diese Stimmung kann der Treck an diesem Wochenende nicht anknüpfen. Auf ihrem Weg nach Berlin durch Sachsen-Anhalt und Brandenburg werden die Bauern auf ihren geschmückten Traktoren neugierig bestaunt oder distanziert begrüßt. In Arendsee hat der Bäcker tatsächlich seine Brötchenkörbe auf den Bürgersteig gestellt.

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