Transsexuelle in der türkischen Politik : "Das ist eine Revolution!“

Lange existierte Transsexualität im öffentlichen Leben der Türkei gar nicht, jetzt bewirbt sich sogar eine Transsexuelle um ein Parlamentsmandat - und das ausgerechnet für die konservative AKP von Regierungschef Recep Tayyip Erdogan.

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Kandidiert für die konservative AKP: die türkische Transsexuelle Almina Can.
Kandidiert für die konservative AKP: die türkische Transsexuelle Almina Can.Foto: Promo

Almina Can kann es immer noch nicht so recht fassen. „Wir können heute über alles reden“, sagt sie über ihr Land. Ihr Land, das ist die Türkei, wo lange Zeit bestimmte Themen eben nicht öffentlich debattiert werden konnten. Transsexualität war so ein Thema. Aber jetzt bewirbt sich Can, eine 34-jährige transsexuelle Musikerin aus dem westtürkischen Izmir, um ein Parlamentsmandat. Und das tut sie nicht nur öffentlich, ohne ihre Sexualität zu verschweigen. Sie kandidiert sogar für einen Listenplatz bei der religiös-konsevativen Regierungspartei AKP. Die frommen Muslime bei der AKP warfen sie nicht etwa hochkantig hinaus, als sie sich bei deren Wahlkommission in Izmir vorstellte. Sie behandelten die Transsexuelle höflich und zuvorkommend.

Kein Wunder also, dass Can schon jetzt begeistert ist von ihrem politischen Abenteuer. Ob sie von der AKP für einen der 550 Parlamentssitze aufgestellt wird, die bei der bevorstehenden Wahl am 12. Juni zu vergeben sind, wird sie erst kommende Woche erfahren. Doch schon jetzt hat sich die Kandidatur für sie gelohnt. „Endlich gibt es Demokratie in meinem Land“, sagte Can unserer Zeitung.

Ausgerechnet der von seinen Gegnern als Islamist verteufelte AKP-Chef und Regierungschef Recep Tayyip Erdogan hat die Türkei so weit gebracht, ist Can überzeugt. „Mir und allen anderen hat er den Mut gegeben, wir schulden ihm Dank.“ Auch für die Kurden und andere Minderheiten habe Erdogan einiges getan.

Erdogans Reformpolitik und die von ihm durchgesetzten Veränderungen im Rahmen der türkischen EU-Bewerbung waren es auch, die Can dazu bewogen, sich bei der AKP zu bewerben. Nicht nur der Musikerin aus Izmir geht es so. Bei der AKP gingen fast 6000 Anträge von Kandidaten ein, bei der säkularistischen Oppositionspartei CHP waren es fast 4000 – insgesamt gibt es zwanzig Mal mehr Kandidaturen, als das Parlament Sitze hat. Das Feld der Bewerber ist bunt wie nie. Nicht nur Transsexuelle drängen in die Politik, auch Christen, Kurden und Kopftuchfrauen sind unter den Kandidaten. Ihnen allen ist eines gemeinsam: Sie haben keine Angst mehr.

Politisch sei sie schon immer gewesen, sagte Can in unserem Interview. „Aber wegen meiner Sexualität konnte ich bisher nicht aktiv werden.“ Das hat sich geändert. Falls sie am 12. Juni tatsächlich ins Parlament gewählt wird, will sie dort aber ausdrücklich keine Vertreterin der Transsexuellen sein: „Wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder nur um die eigene Belange kümmern würde.“ Almina Can will als Abgeordnete gegen staatliche Verschwendung zu Felde ziehen.

Dabei könnten Transsexuelle und Homosexuelle in der Türkei parlamentarische Fürsprecher durchaus gut gebrauchen. Zwar gibt es einige prominente Transsexuelle, wie etwa die Sängerin Bülent Ersoy, die zuerst als Mann ein Star war und seit einer Geschlechtsumwandlung als Frau erfolgreich ist in der Türkei. Aber das sind Ausnahmen, die im Showbusiness hingenommen werden, im Alltag des Landes nicht.

Schwule Männer werden von der türkischen Armee wegen „psychischer Störungen“ nicht zum Wehrdienst angenommen. Erdogans Familienministerin Selma Aliye Kavaf bezeichnete Homosexualität noch kürzlich als Krankheit. Erst vor wenigen Monaten schlossen die Behörden im nordwesttürkischen Bursa den Verein „Regenbogen“, der sich für die Belange sexueller Minderheiten einsetzte.

Die Vorsitzende des Vereins in Bursa, Öykü Özen, kandidiert jetzt ebenfalls für ein Parlamentsmandat, und zwar bei der CHP, der größten Oppositionspartei der Türkei. Wie Almina Can bei der AKP wurde auch Özen bei der CHP höflich angehört und behandelt, was sie ihrer Partei hoch anrechnet. „Es ist nicht leicht für sie“, sagte Özen im türkischen Fernsehen über ihre Parteifreunde.

Wie viele andere Transsexuelle in der Türkei hat Özen einen Leidensweg voller Diskriminierungen und Anfeindungen hinter sich. Unter anderem wurde ihr Prostitution und Folter an den Mitgliedern ihres „Regenbogen“-Vereins vorgeworfen. „Da fasst man sich an den Kopf“, sagte die 39-jährige, die nach ihrer Geschlechtsumwandlung heiratete und in Bursa in einer Boutique arbeitet. Im Parlament will sie sich vor allem für Homosexuelle, Prostituerte und AIDS-Kranke einsetzen.

Insgesamt 18 Listenplätze vergibt die CHP in Bursa, und am kommenden Montag wird Özen wissen, ob ihr Name auf dieser Liste steht. Dann müssen die türkischen Parteien ihre Kandidatenlisten beim Wahlleiter in Ankara einreichen. „Wenn ich aufgestellt werde, ist das ein Wunder“, sagte sie. Selbst wenn ihr Name nur auf dem aussichtlosen 18. Listenplatz stehen sollte, wäre das revolutionär, findet Özen. „Und wenn ich dann auch noch gewählt werde, ist das erst recht eine Revolution.“

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