Politik : Trauerarbeit an der Abschussrampe

Zum ersten Todestag von Kim Jong Il plant Nordkorea einen Raketentest. Die Gründe dafür sind mehr innen- als außenpolitisch.

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Wachestehen vorm Prestige-Objekt. Ein Soldat in einer Raketenanlage in Nordkorea, aufgenommen bei einer der wenigen erlaubten Journalistenbesuche. Foto: Bobby Yip/rtr
Wachestehen vorm Prestige-Objekt. Ein Soldat in einer Raketenanlage in Nordkorea, aufgenommen bei einer der wenigen erlaubten...Foto: REUTERS

Eine Rakete zum Totengedenken – das ist sicherlich ungewöhnlich, doch genau das scheint Nordkorea gegenwärtig vorzuhaben. Kurz vor oder nach dem 17. Dezember, an dem sich der Tod des „Geliebten Führers“ Kim Jong Il erstmals jährt, will Nordkorea seinen zweiten Satellitenstart in diesem Jahr durchführen. „Dieser Start soll das gewesen sein, was Kim Jong Il wollte“, sagte eine ungenannte Quelle in Nordkorea der südkoreanischen Nachrichtenwebseite „Daily NK“, „das bedeutet, der Test ist auch dafür vorgesehen, Traueratmosphäre zu schaffen.“

Weite Teile der Welt hat die nordkoreanische Ankündigung jedoch sehr beunruhigt. Der Satellitenstart wird von den meisten Ländern als Langstreckentest angesehen, der nach der Resolution 1874 des UN-Sicherheitsrats verboten ist. Sogar Nordkoreas Verbündeter China äußerte Bedenken und sorgt sich um die politische Stabilität auf der koreanischen Halbinsel. Das russische Außenministerium empfahl am Montag, den Start wieder abzusagen. Japan hat nach einem Bericht der Nachrichtenagentur „Kyodo“, ein Schiff mit Patriot-Raketen nach Okinawa geschickt, um die nordkoreanische Rakete abfangen zu können. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle bezeichnete das Vorhaben als „besorgniserregenden Rückschritt“ und forderte Nordkorea auf, „den Weg zu Deeskalation und Verständigung nicht durch provokative Schritte zu blockieren.“

Doch der Nachwuchs-Diktator Kim Jong Un schreitet unbeirrt in den Vorbereitungen voran. Wie die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf eine ungenannte Regierungsquelle berichtet, hat Nordkorea die erste Raketenstufe auf der Abschussrampe im Sohae-Raumfahrtzentrum in Tongchang-ri an der Nordwestküste installiert. „Das bedeutet, dass Nordkorea mit dem Prozess beginnt, eine Langstreckenrakete zu starten“, sagte ein südkoreanisches Regierungsmitglied. In drei bis vier Tagen könnten alle drei Stufen komplett installiert sein, berichtete die Nachrichtenagentur unter Berufung auf Beamte des südkoreanischen Geheimdienstes. Damit dürfte die Rakete schon vor dem von Nordkorea genannten Zeitraum vom 10. bis 22. Dezember startbereit sein.

Der letzte nordkoreanische Raketenstart im April war kläglich gescheitert. Die Rakete stürzte nach nur 100 Sekunden Flug westlich von Südkorea ins Meer. „Wissenschaftler und Techniker der Demokratischen Volksrepublik Korea haben die Fehler, die während des vorhergehenden Starts im April gemacht wurden, analysiert und die Arbeit zur Verbesserung der Zuverlässigkeit und Präzision von Satellit und Trägerrakete vertieft“, zitiert die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA den Sprecher des nordkoreanischen Raumfahrtkomitees.

Laut der Internetseite „Daily NK“ stekcken innenpolitische Gründe hinter dem Start, der weitere UN-Sanktionen gegen Nordkorea einleiten dürfte. Warum will Nordkorea die Rakete trotzdem zünden? „Weil weiterhin eine Erholung der Wirtschaft ausbleibt und das Militär jüngst umbesetzt wurde – diese zwei Dinge könnten interne Unzufriedenheiten ausgelöst haben“, heißt es auf der Webseite, die in Nordkorea gesammelte Nachrichten veröffentlicht. Der Raketenstart sei ein wichtige Schritt des jungen Diktators Kim Jong Un, seine Macht zu festigen.

Doch neben Trauerarbeit für den „Geliebten Führer“ und der Machtdemonstration des Sohnes könnte der Start auch auf Südkoreas Präsidentschaftswahl am 19. Dezember zielen. „Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob Nordkorea die Rakete vor den Präsidentschaftswahlen starten wird“, erklärte der scheidende südkoreanische Präsident Lee Myung Bak. „Allerdings hat sich Nordkorea noch in jede Wahl eingemischt.“

Die Kandidatin Park Geun-hye der konservativen Saenuri-Partei wird vom Norden vehement bekämpft. So schreibt die Zeitung „Minju Joson“, Sprachrohr der nordkoreanischen Regierung: „Wenn das konservative Regime, das auf Konfrontation mit seinen Landsleuten aus ist, an der Macht bleiben darf, werden sich die Nord-Süd-Beziehungen verschlechtern.“ Eine Langstreckenrakete Richtung Süden könnte das noch unterstreichen.

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