Trauerfeier : Regierung brüskiert

Begleitet von Gegnern und Anhängern fand in Chile die Trauerfeier für Ex-Diktator Pinochet statt. Die einzige Ministerin der chilenischen Regierung, die an der Trauerfeier teilnahm, wurde von Pinochet-Anhängern ausgebuht.

Santiago de Chile - Bei der Zeremonie in der Militärakademie der Hauptstadt wurden Pinochet die militärischen Ehren für einen ehemaligen Armeechef zuteil. Zeitgleich zu der Trauerfeier gedachten seine Gegner des von der Junta gestürzten früheren Präsidenten Salvador Allende. Präsidentin Michelle Bachelet hatte einen Staatsakt für Pinochet abgelehnt.

Die Trauerfeier begann in Gegenwart von Pinochets Familie und mehreren tausend Anhängern. Vier Kadetten der Militärakademie trugen den in die chilenische Flagge gehüllten Sarg in den Innenhof des Gebäudes. Im Anschluss fand ein Trauergottesdienst statt. Pinochets älteste Tochter Lucía Pinochet Hiriart verteidigte in einer Trauerrede den Staatsstreich ihres Vaters von 1973. Gleichzeitig beschuldigte sie die internationale Presse, ein falsches Bild des Militärs und seiner Herrschaft zu zeichnen. Pinochet soll im Anschluss an die Trauerfeier eingeäschert und auf dem Anwesen der Familie in Los Boldos beigesetzt werden.

Ministerin bei Trauerfeier ausgebuht

Pfiffe empfingen die nicht in Schwarz gekleidete Verteidigungsministerin Vivianne Blanlot in der Militärakademie. Sie grüßte die Familie Pinochets nicht und setzte sich auf einen Platz in der ersten Reihe. In einem deutlichen Affront gegen die Regierung begaben sich die Söhne Pinochets daraufhin zum Sarg ihres Vaters und bedeckten ihn mit der Präsidentenschärpe. Chiles Präsidentin, die Sozialistin Bachelet, hatte dem Ex-Diktator Staatstrauer und ein Staatsbegräbnis verweigert. Sie und ihre Mutter waren unter Pinochets Militärdiktatur (1973 - 1990) misshandelt worden. Ihr Vater starb in einem Gefängnis der Junta.

Zeitgleich zur Trauerfeier versammelten sich mehr als tausend Gegner des Ex-Diktators an dem in der Nähe des Präsidentenpalasts gelegenen Denkmal für den von Pinochet gestürzten sozialistischen Präsidenten Allende. Viele Demonstranten hielten Bilder des früheren Staatschefs hoch. "Wir wollen Präsident Allende sagen, dass das chilenische Volk hier ist in dem Moment, wo der Diktator gestorben ist", sagte Viviana Díaz von der Gruppierung der Familien der verschwundenen Gefangenen.

Mehr als 60.000 Menschen verabschiedeten Pinochet

Seit Sonntag waren mehr als 60.000 Pinochet-Anhänger an dem aufgebarten verglasten Sarg des Ex-Diktators vorbeizogen. Der Chef der Polizeipräfektur Jorge Rojas erklärte, es habe keine schweren Zwischenfälle und in der Nacht zum Dienstag nur eine Festnahme wegen "Anstiftung zur Unruhe" gegeben. Medienberichten zufolge spuckte ein Pinochet-Gegner auf den Sarg, in welchem der in eine dunkelblaue Militäruniform gekleidete Leichnam lag.

Pinochet war am Sonntag im Alter von 91 Jahren im Militärkrankenhaus der Hauptstadt an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. Unter seiner Junta wurden mehr als 3000 linke Arbeiter und Gewerkschafter, kritische Intellektuelle und unbequeme Journalisten ermordet. Nachweislich wurden mindestens 28.000 Menschen gefoltert, vermutlich ist die Zahl der Folteropfer jedoch wesentlich höher. Zehntausende wurden ins Exil getrieben. (tso/AFP)

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