Politik : Traum von einer Welt ohne Waffen

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Von Dagmar Dehmer

Ein Satz, gesprochen vor 22 Jahren, ist die Geburtsstunde der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs“ (IPPNW) gewesen: „Wir werden den Menschen nicht helfen können.“ Nicht die Erkenntnis war revolutionär, sondern dass der amerikanische Herzspezialist Bernhard Lown und der sowjetische Arzt Evgenij Taschzow 1980 sie gemeinsam ausgesprochen hatten. Zwei Jahre später, im Februar 1982, wurde die bundesdeutsche Sektion der IPPNW gegründet.

Am Donnerstag abend würdigten Bundespräsident Johannes Rau und der Friedensforscher Johann Galtung die Ärzteorganisation aus Anlass ihres 20-jährigen Bestehens. Rau sagte: „Wir dürfen das große Ziel – eine Welt frei von Massenvernichtungswaffen – nicht aus den Augen verlieren.“ Vor allem weil inzwischen auch „nichtstaatliche Akteure“ versuchten, in den Besitz von Massenvernichtungswaffen zu kommen. Der Gießener Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter, Gründungsmitglied der IPPNW, bedauerte, dass die Chance, Atomwaffen schrittweise zu verschrotten, auch nach dem Ende des Kalten Krieges „kläglich versäumt“ worden sei.

Die „Ärzte“ sind ein Kind der Friedensbewegung. Pressesprecherin Ute Watermann beschreibt die rund 7000 Mitglieder der deutschen Sektion mit einigem Respekt so: „Sie sind echte Idealisten.“ Daraus erklärt sich wohl auch, dass die IPPNW auch nach 20 Jahren hartnäckig auf ihren Forderungen aus der Gründungszeit beharren: Der Ausstieg aus der Atomenergie müsse sofort stattfinden. Die „Militarisierung der deutschen Außenpolitik“ müsse beendet werden. Und vor allem sind die „Ärzte“ nach wie vor davon überzeugt, „dass Gewalt Gegengewalt auslöst". Diese Spirale müsse durchbrochen werden.

Nach dem Ende des Kalten Krieges kam der Bewegung zunächst einmal der Feind abhanden. Sie musste sich neu orientieren und begann sich stärker mit den Folgen der friedlichen Nutzung der Atomenergie zu beschäftigen. Und sie versuchte eine alte Idee von Horst Eberhard Richters umzusetzen: eine Kultur des Friedens zu entwickeln. Seit Mitte der neunziger Jahre bieten die „Ärzte“ Trainingskurse zur Mediation an. Diese Methode friedlicher Konfliktlösung kommt auch in Krisengebieten zum Einsatz. Kein schnelles Mittel zum Frieden, sagt Watermann, aber offenbar trotzdem erfolgreich. Seit 1998 schickt die Organisation jedes Jahr zehn Medizinstudenten mit ihrem Programm „Famulieren und Engagieren“ ins Ausland. Außerdem ist das Thema „Medizin und Gewissen“ stärker in den Blickpunkt der IPPNW gerückt. Alle vier Jahre veranstalten sie Kongresse zu medizin-ethischen Themen.

So haben es die IPPNW geschafft, als letzte berufsständische Friedensgruppe zu überleben. Für viele gelten sie bis heute als reine Nervensägen. Oder schlimmeres, weshalb Bundeskanzler Helmut Kohl 1985 sogar beim Nobelkomittee gegen die Vergabe des Friedenspreises an die IPPNW intervenierte. Doch inzwischen sind die „Ärzte" gelegentlich sogar zur Zusammenarbeit mit alten Gegnern bereit. Nachdem das Bundesamt für den Strahlenschutz (BfS) nunmehr zugegeben hat, dass die Kinderkrebsrate rund um bayerische Atomkraftwerke höher ist als an anderen Orten, werden das BfS und die IPPNW nun gemeinsam nach den Ursachen forschen. Ute Watermann hofft, dass es irgendwann auch in Geesthacht so weit sein wird. Seit Jahren streiten die „Ärzte“ und die Behörden darüber, woran es liegt, dass rund um das Atomkraftwerk Krümmel mehr Kinder an Leukämie erkrankt sind als anderswo.

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