Trauma Geiselnahme : „Emotionale Vollnarkose“

Traumatologe und Kriminalpsychologe Christian Lüdke über Geiselnahmen.

Was passiert mit Menschen, die entführt werden?

Man muss generell zwischen zwei Gruppen unterscheiden. Die einen werden von der Entführung total überrascht. Die plötzliche Freiheitsberaubung versetzt sie in einen massiven Schockzustand, sie erleben Todesangst. Daneben gibt es Berufsgruppen, die sich häufig in Krisengebieten bewegen und durch gezieltes Training besser auf Geiselnahmen vorbereitet sind.

Heißt das, dass der Journalist automatisch besser mit der Situation umgehen kann?

Nein, da spielen viele Faktoren eine Rolle. Ein Mensch, der privat und beruflich gefestigt ist, kann die seelische Belastung einer Entführung sicher besser verkraften als jemand, der zu Hause über keine Netzwerke verfügt. Entscheidend ist außerdem, ob es der Geisel gelingt, eine persönliche Beziehung zu den Entführern aufzubauen. Jede Form der Kontaktaufnahme stabilisiert die Situation. Die Geisel kann dadurch die Chance vergrößern, dass die Entführer am Ende auf eine Tötung verzichten. Zudem gewinnt der Entführte dadurch ein Stück Sicherheit zurück: Es ist der Situation nicht mehr komplett ausgeliefert, hat das Gefühl, wenigstens ein bisschen auf die Entführer einwirken zu können.

Welchen Einfluss haben äußere Bedingungen auf den Zustand einer Geisel?

Alter und Geschlecht eines Entführten sind für seine jeweilige Verfassung relativ unerheblich. Es sind vor allem körperliche Strapazen wie Gewaltmärsche, Schläge oder große Hitze, die jeder Geisel gleichermaßen zusetzen. Sie können einen Entführten derart auslaugen, dass er nicht mehr klar denken kann. Das Bewusstsein wird dann ausgeschaltet, der Erschöpfungszustand führt zu einer Art Trance – ich nenne es emotionale Vollnarkose. Der Mensch schaltet quasi auf Autopilot, um sich vor den Umständen zu schützen.

Ist es aus psychologischer Sicht für eine Geisel günstiger, alleine oder mit mehreren zusammen entführt zu werden?

Ein Einzelner hat bessere Karten, freizukommen, weil die Entführer nur ein Druckmittel in der Hand haben.

Das Interview führte Sarah Kramer.

Christian Lüdke arbeitet als Traumatologe und Kriminalpsychologe. Er hat bereits mehr als 130 Entführungsopfer betreut, darunter Jan Philipp Reemtsma.

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