Trecker gegen Trittin : Anti-Atom-Aktivisten fordern zügigen Atomausstieg

Grünen-Fraktionschef Trittin musste sich bei einem Auftritt in Göttingen ungewohntem Protest stellen: Etwa 100 Umweltschützer verlangten lautstark einen zügigen Atomausstieg.

Reimar Paul

Auf dem Parkplatz vor dem „Grünen Zentrum“ in Göttingen sind Bauern mit ihren Traktoren vorgefahren. Auf den Anhängern liegen gelbe Fässer mit dem Radioaktivitätszeichen, die Treckerfahrer tragen weiße Schutzanzüge. Gemeinsam mit den Landwirten forderten am Donnerstagabend etwa 100 Umweltschützer lautstark einen zügigen Atomausstieg. Sie schwenken Fahnen, singen und skandieren immer wieder „Hop, hop, hop - Atomkraft stopp!“ Der Protest richtet sich auch gegen Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin, der seiner Partei empfohlen hat, den Regierungsplänen zuzustimmen, die im Kern einen Atomausstieg bis 2022 vorsehen. Die Gründe für diese Empfehlung will er in der Mitgliederversammlung der Göttinger Grünen erläutern.

Kein leichter Abend für Trittin, der die Region auch als Bundestagsabgeordneter vertritt. In dem kleinen Saal drängen sich Grünen-Mitglieder, Aktivisten aus den Anti-Atom-Gruppen Göttingens und Journalisten. Viele sitzen auf dem Boden, die Luft ist stickig, die Stimmung gereizt.

„Wir sind doch nicht Monate lang auf die Straße gegangen, damit neun Atomkraftwerke noch bis zu elf Jahre weiterlaufen und Atommüll produzieren“, ruft ein junger Mann unter lautem Beifall. Der grauhaarige Chemie-Professor Rolf Bertram, ein Veteran der Protestbewegung, wirft den Grünen vor, sie machten sich „mitschuldig, dass wir noch lange Zeit von Havarien bedroht werden“. Trittin kommt kaum zu Wort, wird immer wieder von Zwischenrufen und Sprechchören unterbrochen. „Die Anti-AKW-Bewegung hat doch grade einen riesigen Sieg errungen“, ruft er gegen den Lärm an. „Wenn nach Fukushima neun Reaktoren am Netz bleiben sollen, dann ist das kein Sieg“, schreit einer aus den hinteren Reihen. Trittin sieht die Grünen und sich selbst als eigentliche Urheber des Atomausstiegs. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe sich grüner Politik unterworfen. „Ich habe bis vor ein paar Wochen geglaubt, dass es die Grünen Ernst meinen mit dem Atomausstieg", sagt dagegen der Bio-Bauer Ludwig Pape. „Jetzt bin ich enttäuscht, dass die Partei ihre Inhalte taktischem Kalkül opfern will."

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