Treffen der Spitzenkandidaten : Analyse des TV-Duells: Strategie, Körpersprache, Botschaften

14.09.2009 10:54 UhrVon Gastbeitrag von Ulrich Sollmann

Merkel und Steinmeier haben die (Medien-)Öffentlichkeit enttäuscht. So duellierten sie sich entgegen aller Erwartung nicht selbst sondern mit den Moderatoren.

Dies war ein geschickter, wenngleich auch sehr riskanter Schachzug. Steinmeier stellte als Initiator dieser Kommunikationsstrategie seinen Führungsanspruch unter Beweis.

So wehrte er sich anders als Merkel ("so lassen Sie mich doch ausreden"), die dabei eher angespannt und unsicher wirkte, indem er die Unterbrechung abfederte oder konterte. Um danach an dem Vorausgesagten anzuknüpfen. Man könnte auch sagen: souverän nahm er Merkel an die Hand, um sich gegen die Moderatoren zur Wehr zu setzen.

Steinmeiers Verbrüderungsstrategie

Er verbrüderte sich aber auch mit den Moderatoren, um sich Merkel gegenüber zu behaupten, ohne sie direkt anzugreifen.

Wie beim Billard punktete er über Bande. Konnte er doch hierdurch in die Rolle des Angreifers schlüpfen, ohne Merkel direkt anzugreifen.

Dies drückte sich auch in der Körpersprache der beiden aus. Merkel punktete so wie man es von ihr gewohnt ist, in der direkten Beziehung (zu den Moderatoren). Dort wirkte sie souverän, locker, kompetent und charmant. Steinmeier hingegen, gerade dann wenn sie ihn direkt und persönlich ansprach, konnte sie noch nicht einmal ansehen. Stattdessen schaute sie, halb hin- oder auch abgewandt, zu Boden. Nun ist es aber gerade bei einem Duell wichtig, dem Gegner direkt in die Augen zu schauen, um vor allem dessen Reaktion direkt zu erfassen, um gegebenenfalls darauf gleich reagieren zu können.

Rhetorische Unterschiede

Steinmeier wirkte durch seine Bewegung und die Gestik in sich selbst sicher und flexibel in Bezug auf die nonverbale Beziehungsgestaltung. Sah man dabei Merkels Gesicht im Hintergrund des Fernsehbildes, so konnte man den Eindruck bekommen, sie wäre jeweils genervt, erbost oder beleidigt gewesen. Sie stützte sich aber nicht auf ihre eigenen Emotionen, wenn sie redete. Insoweit kann dies als Unsicherheit verstanden werden, mit dem Stress dieser Situation nicht klar zu kommen.

Rhetorisch gesehen gab es weitere deutliche Unterschiede. So begann Merkel ihre Aussagen oft mit den Worten "wir müssen...". Dies ist nach vier Jahren Regierung eher ein (moralischer)Appell statt ein Beleg für ihre konkreten Taten. Die Wähler wollen aber gerade bei einem TV-Duell Konkretes hören, etwas das sie selbst nachvollziehen können und was motivieren könnte Merkel zu wählen. Merkel verpasste hierdurch die Chance als tatkräftige erfolgreiche Kanzlerin wahrgenommen zu werden. Steinmeier hingegen betonte was er tut oder was er wegen des Widerstands der Union in der großen Koalition nicht tun konnte. Er zeigte sich hierdurch eher als konkret Handelnder, der in der Koalition gezwungen war, gewisse Dinge nicht tun zu können. Seine Ankündigungen bestimmte Dinge in Zukunft zu tun, ergeben sich somit schlüssig und können überzeugen.

Internationale Entwicklung oder soziale Gerechtigkeit

Inhaltlich haben sich beide prinzipiell klar mit ihren Leitmotiven positioniert. Merkel verwies regelmäßig auf die internationalen Entwicklungen, die zu berücksichtigen seien. Während Steinmeier kontinuierlich die soziale Gerechtigkeit anmahnte. Insoweit blieb er stimmig in Bezug auf die Grundprinzipien der eigenen Partei. Während Merkel nicht ein einziges Mal zum christlichen Leitmotiv Bezug nahm.

Dies kommt auch im Schlussstatement zum Ausdruck. Merkel betont eindeutig die Unionswerte im Wahlkampf wie Wachstum, Bildung und Arbeit, um dann auf ihrer Beliebtheit aufbauend für die Wählerstimmen zu werben ("....Ihre Stimme für mich"). Steinmeier hingegen betont Kernpunkte der politischen Stoßrichtung auf dem Hintergrund des Leitmotivs der SPD: soziale Gerechtigkeit. Insoweit positioniert er sich stimmig hinsichtlich der eigenen Partei ("ich stehe dafür...").

Merkel tut gut daran, den Abend zu vergessen und an dem anzuknüpfen was sie zuvor souverän unter Beweis gestellt hat.

Steinmeier könnte gut beraten sein, seinen aktuellen Adrenalinspiegel zu nutzen, um auf den letzten Metern richtig reinzuhauen.

Gastautor Ulrich Sollmann arbeitet als Berater und Coach in Wirtschaft und Industrie. Er ist Inhaber einer Praxis für Körper-Psychotherapie und bioenergetische Analyse in Bochum. Sollmann ist Begründer von charismakurve.de, einer Website, auf der Internetuser die Ausstrahlung der Spitzenkandidaten bewerten. Zudem publiziert er in verschiedenen Medien. 

Videos - Politik

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Peter Altmaier von der CDU wird der neue Umweltminister - ist er der richtige Mann für den Posten?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite