Treffen mit Angehörigen der NSU-Opfer : Gauck verspricht persönlichen Einsatz

Beim Treffen mit den Hinterbliebenen in Bellevue verspricht Bundespräsident Gauck sein "persönliches Engagement" bei der Aufklärung der rechtsextremistischen Morde. Doch nicht alle Angehörige der NSU-Opfer sind gekommen.

Bundespräsident Gauck empfängt Angehörige der Neonazi-Mordopfer im Schloss Bellevue in Berlin. Ismail Yozgat, Vater des in Kassel ermordeten Halit Yozgat, fordert die Umbenennung der Holländischen Straße, in der sein Sohn aufwuchs, arbeitete und ermordet wurde, in Halit-Yozgat-Straße.
Bundespräsident Gauck empfängt Angehörige der Neonazi-Mordopfer im Schloss Bellevue in Berlin. Ismail Yozgat, Vater des in Kassel...Foto: dpa

Bundespräsident Joachim Gauck hat den Familien der NSU-Mordopfer seinen persönlichen Einsatz für die Aufklärung der Mordserie zugesagt. „Ich werde genau verfolgen, ob staatliche Stellen ausreichend aufklären und Fehler Fehler nennen“, sagte Gauck am Montag bei einem Treffen mit den Angehörigen laut dem schriftlichen Redetext, den das Bundespräsidialamt vorlegte. „Auch werde ich in solchen Fällen nach Konsequenzen fragen“, fügte der Präsident hinzu. „Auch ich war erschrocken darüber, welche Fehler in mancher Behörde möglich waren.“ Er wünsche sich, dass die Hinterbliebenen wieder neues Vertrauen in die deutschen Behörden fassen können, sagte Gauck. Er rief in Erinnerung, dass die Ermittler die rechtsextreme Motivation der Taten über Jahren hinweg nicht erkannt und zum Teil im Umfeld der Opfer ermittelt hätten. „Sie hätten Trost und Unterstützung gebraucht“, sagte Gauck an die Angehörigen gerichtet. „Stattdessen sind Sie verdächtigt, gedemütigt und allein gelassen worden.“ Der Bundespräsident sagte den Hinterbliebenen zu, persönlich dazu beizutragen, dass die Taten nicht vergessen würden. „Ich werde tun, was ich kann, dass unser Land - unser gemeinsames Land! - nicht vergisst, was geschehen ist“, sagte Gauck. „Ich will mithelfen, dass Ihr Leid weiter wahrgenommen und anerkannt wird.
Und dass aufgeklärt wird, wo es Fehler und Versäumnisse gegeben hat, dass darüber gesprochen und wenn nötig auch gestritten wird.“

Ermordet aus reinem Hass - Die Opfer des NSU
Enver Şimşek, wird am 9.September 2000 von acht Schüssen getroffen. Der Besitzer eines Blumengroßhandels in Schlüchtern, Südhessen, war das erste Opfer der rassistisch motivierten Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). An jenem Tag fiel ein Mitarbeiter aus, der normalerweise seinen Blumenstand an einer Ausfallstraße nahe Nürnberg betreute. Şimşek fährt selbst nach Nürnberg und wird dort von den Tätern angeschossen. Es dauert noch zwei Tage, bis er in einem Krankenhaus am 11.September 2000 im Alter von 38 Jahren den Schusswunden erliegt. Der Fall wird von der Bundesregierung erst 2012 als rassistisch motivierte Straftat anerkannt. Zu Beginn wurde auch gegen die Frau und Verwandte des Mannes ermittelt. Die Polizei verdächtigte den Getöteten des Drogenhandels.Alle Bilder anzeigen
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04.07.2012 15:04Enver Şimşek, wird am 9.September 2000 von acht Schüssen getroffen. Der Besitzer eines Blumengroßhandels in Schlüchtern,...

An dem Treffen nahm auch die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Opfer und Opferangehörigen, Barbara John, teil.
Einige der Angehörigen hatten die Einladung des Bundespräsidenten ausgeschlagen. Eine der Opferfamilien begründete die Absage damit, dass das Bundespräsidialamt ihren Wunsch auf Begleitung durch einen Rechtsanwalt abgelehnt habe. Eine andere Familie argumentierte, dass bei dem Treffen mit mehreren Dutzend Teilnehmern zu wenig Zeit für ein persönliches Gespräch bleibe.

Dem NSU werden zehn Morde zwischen den Jahren 2000 und 2007 zugerechnet - an acht türkischstämmigen Kleinunternehmern, einem griechischstämmigen Kleinunternehmer und einer Polizistin. Die Ermittler hatten die rechtsextreme Motivation der Taten über Jahren hinweg nicht erkannt. Bereits Gaucks Vorgänger Christian Wulff hatte Angehörige der Opfer in Bellevue empfangen. (AFP)

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