Treffen mit Guttenberg : Vertuschen wäre zuviel gesagt

Der Krieg ist ein Tabu in Deutschland und die Politik hat den Kontakt zu den Soldaten verloren - am Ende könnte die Afghanistan-Mission sinnlos gewesen sein.

Sebastian Scholz
Verteidigungsminister Guttenberg
Verteidigungsminister GuttenbergFoto: dpa

Es ist voll im Café Einstein Unter den Linden, sehr voll. An diesem heißen Mittwoch wird hier das Buch „Ruhet in Frieden, Soldaten“ der beiden Bild-Journalisten Julian Reichelt und Jan Meyer vorgestellt, und auch Karl-Theodor zu Guttenberg wird erwartet. Neben dem üblichen Presseandrang sind auffällig viele Soldaten gekommen. Sie alle wollen wissen, was der Verteidigungsminister zum provokanten Untertitel „Wie Politik und Bundeswehr die Wahrheit über Afghanistan vertuschen“ zu sagen hat.

Die zentralen Aussagen des Buches: Der Krieg ist ein Tabu in Deutschland, die Politik hat den Kontakt zu den Soldaten verloren, um unangenehme Fakten wird herumgeredet und – am Ende wird die Afghanistan-Mission der Bundeswehr wohl sinnlos gewesen sein. In die derart vorgewärmte Atmosphäre tritt der Verteidigungsminister: Er wirkt aufgeregt, richtet sich die Krawatte, der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Doch es sei nicht das Buch, was ihn so ins schwitzen bringe, sagt Guttenberg, sondern seine „Idee von mäßiger Intelligenz“, bei dieser Hitze mit dem Fahrrad her gekommen zu sein. Das Buch hingegen sei ihm kein Dorn im Auge, im Gegenteil. Er bezeichnet es als gut recherchierten Beitrag zur Kontroverse um den Afghanistan-Einsatz. Er selber sei es ja gewesen, der eine stärkere Debatte gefordert habe. „Ja es wurden Fehler gemacht“, sagt Guttenberg zu den Vorwürfen des Buches. „Der Einsatz wurde lange verharmlost und mit Worten geschönt“. Das im Untertitel enthaltene Wort „vertuschen“ hält er jedoch für falsch. Vielmehr sei es eine „gemeinsame Überforderung“ von Politik und Medien gewesen, die die Debatte um Afghanistan in eine falsche Richtung geführt hätte.

Auch wenn das Buch der Politik Vorwürfe macht, hält Guttenberg es für wichtig. Denn eine der Hauptsorgen der Soldaten sei es, dass ihr Einsatz am Hindukusch totgeschwiegen wird. „Irgendwann nach Wirtschaftskrise und Bundesliga laufen wir bei ntv im Ticker“, zitiert er einen Soldaten. Das Buch trage dazu bei, dass sich jeder mehr mit Afghanistan auseinandersetzt. Sogar die für ihn persönlich kritische Debatte um den Tanklasterangriff bei Kundus sei gut gewesen, denn sie habe den Blick für Defizite geöffnet. Guttenberg teilt jedoch nicht jede Aussage des Buches. „Die Soldaten, die in Afghanistan im Frühjahr ums Leben gekommen sind, starben nicht wegen mangelnder Ausrüstung oder Ausbildung“, sagt der Verteidigungsminister. Sondern durch Ereignisse wie sie ein Krieg mit sich bringe, und deswegen sei es auch geboten den Einsatz so zu nennen. Die Mission sei außerdem wichtig für die Deutschen, denn eine Destabilisation der Region nahe der Atommacht Pakistan hätte direkte Folgen für Deutschland.

In einem Punkt ist sich der Minister am Ende dann doch wieder mit den Autoren einig: Weder in der Politik oder den Medien, noch in der Gesellschaft dürfe man zum „freundlichen Desinteresse“ gegenüber der Bundeswehr zurückkehren.

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