Treffen mit Merkel : Der unbekannte Mr. Brown

Der neue britische Premier Gordon Brown kommt heute zu seinem Antrittsbesuch nach Berlin. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel dürfte er auch in nächster Zeit noch eine schwer zu berechnende Größe sein.

Ulrich Scharlack[dpa]
Gordon Brown
Der Unnahbare: Gordon Brown. -Foto: AFP

BerlinMit Frankreichs neuem Präsidenten Nicolas Sarkozy hat die Kanzlerin inzwischen schon einige Erfahrungen gesammelt, zuletzt im Poker um die Macht beim Luft- und Weltraumkonzern EADS. Der erst vor knapp drei Wochen ins Amt gekommene britische Premier Gordon Brown, der am Abend in Berlin seinen Antrittsbesuch macht, dürfte hingegen für Angela Merkel auch in nächster Zeit noch eine schwer zu berechnende Größe sein.

Der konservative Sarkozy, den Merkel am Mittag in Toulouse traf, war für die CDU-Vorsitzende schon vor seinem Einzug in den Pariser Elysée-Palast ein alter Bekannter. Mehrfach waren sie sich bei Treffen des Führungspersonals der konservativen oder christdemokratischen Parteien Europas begegnet. Sarkozy gastierte 2005 bei der CDU. Der Franzose spielte als "Jung-Präsident" auch eine wichtige Rolle auf dem G8-Treffen in Heiligendamm. Und auch später im Juni auf dem denkwürdigen EU-Gipfel von Brüssel, wo er sich am Ende mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein sogar schon als Vater des Erfolgs darstellte.

Merkel sucht direkten Draht

Die Kontakte zwischen Merkel und Brown hielten sich bislang hingegen in Grenzen. Ein erstes "Beäugen" gab es zwar schon im Juni 2006 in Berlin. Vor dem Gipfel in Brüssel telefonierten die beiden mehrfach miteinander. Merkel hatte den direkten Draht zu dem Labour-Mann gesucht, nachdem sich abzeichnete, dass sein Vorgänger Tony Blair in der belgischen Hauptstadt nichts ohne Einverständnis seines Nachfolgers unterschreiben würde. Das war es aber auch schon.

Vielleicht auch, weil der neue Mann für sie eher ein Unbekannter ist, verfolgt die Kanzlerin die ersten außenpolitischen Erklärungen der Regierung Brown mit großem Interesse. Das Kanzleramt war vergangene Woche dann auch hoch erfreut, als Brown ankündigte, seine erste Auslandsreise nach Berlin unternehmen zu wollen. Dass Merkel jedoch nach dem Abendessen im Kanzleramt schon Klarheit über den außenpolitischen Kurs des Schotten gewonnen haben dürfte, war jedoch nicht zu erwarten. Das Dinner war mit einer Stunde zeitlich recht knapp bemessen worden. Es sollte vor allem dem weiteren Kennenlernen dienen, zumal Brown nicht gerade als charmanter und leicht zugänglicher Plauderer gilt.

Beziehung zu USA auf dem Prüfstand

Noch zeichnet sich für die Deutschen nicht ab, ob die Regierung Brown ein neues Verhältnis zur US-Regierung von Präsident George W. Bush suchen wird - weg von der engen Gefolgschaft aus den Tagen des Tony Blair. Die Aufnahme von zwei erklärten Irak-Kriegsgegnern in die Regierung ließen erste Vermutungen in diese Richtung aufkommen. Brown und sein Außenminister David Miliband dementierten dies nach Medienberichten zwar inzwischen.

Es steht aber dennoch eine Aussage des Staatsministers für Afrika, Asien und die UN, Lord Malloch Brown, im Raum, wonach der neue britische Premierminister nicht wie sein Vorgänger mit Bush "zusammengeschweißt" sein werde. Es sei an der Zeit, dass Großbritannien neue Bündnisse und Beziehungen zu Europas Regierungen eingehe, darunter auch zu Deutschland.

Europakritischer Kurs befürchtet

Merkel würde diese neue Zuwendung der britischen Regierung durchaus recht sein. Am Ende seiner Regentschaft hatten sich Blair und die Kanzlerin prächtig verstanden und politisch gut harmoniert, auch wenn ihre politischen Wurzeln nicht unterschiedlicher hätten sein können. Beim G8-Gipfel unterstützte der an seinem politischen Denkmal bauende Blair Merkel in der Klimaschutzpolitik. Blair leistete Merkel auch Hilfe beim EU-Gipfel, als es galt, den Widerstand der polnischen Regierung zu überwinden.

Merkel schluckte die britischen Vorbehalte gegen noch stärkere Verbindlichkeit des europäischen Rechts auf der Insel. Der Wechsel von Blair zu Brown ließ hingegen Befürchtungen aufkommen, der Kurs der britischen Regierung könnte trotz der Zugeständnisse wieder europakritischer werden. Derzeit gibt es für die Bundesregierung aber die Hoffnung, dass Brown den pragmatischen Europa-Kurs Blairs weiter fahren könnte.

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