Treffpunkt Tagesspiegel : Von der Selbstbefähigung des Bürgers

Wie weit sind wir mit der Bürgergesellschaft? – Dies zu klären, hatte sich der Treffpunkt Tagesspiegel am Mittwochabend vorgenommen. Doch es stellte sich rasch heraus, dass es schon zum Begriff der "Bürgergesellschaft" in jedem der Köpfe auf dem Podium andere Vorstellungen gab.

Berlin - Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, der der Einladung seines Biografen gefolgt war, des Tagesspiegel-Herausgebers Hermann Rudolph, dachte an evangelische Kirchentage und den Helsinki-Prozess, der seit den 70er Jahren die Dissidenten im Ostblock beflügelt hatte, Hermann Rudolph an die neuen Bürgerstiftungen, Herwig Münkler von der Humboldt-Universität an Bürgerinitiativen und die in Oldenburg lehrende Politikwissenschaftlerin Antonia Grunenberg an die, die zwar (Staats-)Bürger sind, sich aber aus Scham, etwa ihrer Armut wegen, in der Gesellschaft unsichtbar machen.

Auch dass man sich früher in liberaler Tradition und Abwehr gegen den Staat organisiert habe, heute eher ergänzend zu ihm, wollten mindestens die beiden Politikwissenschaftler so nicht so gelten lassen. Dass es keine Barrikaden mehr gebe, bestenfalls Romantiker, die sie sich zurückwünschten (Rudolph), konterte Münkler mit dem Verweis auf den Widerstand gegen das Atommüllendlager Asse.

Mal mit dem Staat, mal gegen ihn, mal lokal, mal weltpolitisch engagiert, von den Stadtteilmüttern bis zum Schützenverein: Bürgergesellschaft findet, so konnte man schließlich folgern, an vielen Orten statt. Typisch für sie ist, was Grunenberg die „Selbstbefähigung des Bürgers“ nannte: auch öffentliche Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. ade

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