Politik : Tröster in der Not

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Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Ach, nun sehen wir sie wieder abends in den Fernsehnachrichten. Trübsinnige Blicke werfen sie in die trüben Gewässer, die da durch ehemalige Straßen und die Keller fluten, die Wohnzimmer füllen. Betroffen wenden sie sich ab, den Betroffenen zu, die triefend um sie herum stehen, und versichern sie nicht allein ihres Mitgefühls – nein, Unterstützung und Trost bieten sie an und Hilfe natürlich, und zwar „unbürokratische“. Das ist in solchen Situationen das Wort der Stunde. Man muss sich wundern, dass der Beamtenbund noch nie auf die Sandsack-Barrikaden gegangen ist. Denn es ist ja nun nicht so, dass der Herr Innenminister oder der Herr Ministerpräsident persönlich demnächst wieder hier vorbeischauen wird, diesmal mit einem Sack Geld auf dem Rücken, das er großzügig verteilt. Und selbst wenn es so wäre, würde den Sack mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Beamter schleppen. Es ist aber gar nicht so. Vielmehr wird eines Tages ein Bürokrat einen Antrag auf Hochwasserbeihilfe auf seinem Tisch vorfinden. Und dann wird er darüber grübeln, wie er den jetzt unbürokratisch bearbeitet. Soll er seine Pflicht vernachlässigen, sorgsam zu wägen und zu prüfen, ob denn der Antragsteller wirklich ein Flutopfer ist und ob man ihm ferner glauben kann, dass in seinem Keller ein kleines Vermögen gelagert gewesen sei? Soll er alle andere Arbeit stehen und liegen lassen? Soll er eigenmächtig die Entschädigung aufstocken? Vor lauter Grübeln kommt er nicht voran. Die Leute schimpfen – auf den Beamten, nicht auf die Politiker, die in die Fluten starren und die Bürokraten verunglimpfen. Fast möchte man glauben, sie tun das, um im Trüben zu fischen. Wählerstimmen womöglich?Robert Birnbaum

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