Politik : Trotz alledem: Renate Künast und Fritz Kuhn wollen antreten

Bettina Wieselmann/Thomas Kröter

Fünf Minuten vorher nochmal ein kurzer Anruf nach Stuttgart: Ja, es bleibt dabei. Wir treten an. Beide. Dann raus aus dem Büro, an den Kameras vorbei - Renate Künast und Fritz Kuhn bei ihrer ersten Zusammenarbeit: Total synchron. Zehn Uhr in Berlin, zehn Uhr in Stuttgart. "Trotz alledem", verkündet die Berlinerin mit dem Stoppelhaarschnitt. Das heißt: Trotz des Scheiterns der Reform, die ihr auch als Parlamentsabgeordnete erlauben sollte, für die Spitze der Grünen zu kandidieren, will sie Sprecherin ihrer Partei werden. Trotz der dramatisch schlechten Ausstattung der Position mit Mitteln und Mitarbeitern.

"Trotz alledem", wiederholt Renate Künast, wie einmal ein "bekannter Kollege" gesagt habe, als die Revolution nicht so funktionierte, wie sie sollte. Karl Liebknecht hieß er und gründete gemeinsam mit Rosa Luxemburg die KPD. So links ist Künast heute nicht mehr. Sie verortet sich in der "linken Mitte", lehnt ansonsten Schubladen ab und zeigt, dass sie sich wenigstens historisch auch weiter links umgetan hat. Sie findet, dass es bei den Grünen nicht so funktioniert, wie es sollte. Deshalb: Statt Karl und Rosa - Fritz und Renate.

Sind die beiden nur im Doppelpack zu haben? Renate Künast weist diese Vorstellung von sich. Jeder kandidiert für sich allein. Ob sie denn auch mit Antje Radcke könnte, der Noch-Sprecherin, die anders als Gunda Röstel Fischers Freund und Freundin nicht freiwillig weichen will? Selbstverständlich. Der Parteitag entscheide über die Zusammensetzung der Spitze - und vielleicht trete ja auch noch jemand an. Wer nun die grüne Rosa wird - darüber hat ein Berliner ein Wörtchen mitzureden. Der Kreuzberger Bewegungsveteran Christian Ströbele hat bereits angedeutet, dass die Berlinerin ihm wählbarer erscheinen könnte als Radcke. Schließlich habe die den Kosovo-Kriegskurs mitgetragen.

Fritz Kuhn schaut weit voraus, als er kurz vor zehn Uhr in den Saal im Stuttgarter Landtag kommt, der voll ist mit Fotografen, Kameraleuten, Journalisten und Fraktionsmitarbeitern. "Das machen wir jetzt öfter so", meint der Noch-Fraktionsvorsitzende entspannt. Viele, sehr viele Gespräche hat er in den letzten acht Tagen geführt. Am Sonntagabend hat er mit seiner Frau "den Knopf dran gemacht", hat sich entschieden, im Juni in Münster als Sprecher der Bundespartei zu kandidieren. "Unter ökonomischen Gesichtspunkten ist das eine Risikoentscheidung", sagt Kuhn, "aber ich finde, im politischen Bereich muss man auch mal was riskieren." Weniger Geld, weniger Sicherheit und doch startet der in den letzten 15 Monaten für so viele Positionen in Berlin genannte Spitzenmann der Südwest-Grünen "ohne Rückfahrkarte". Im unwahrscheinlichen Fall der Nichtwahl in Münster werde er zwar bis zur Landtagswahl 2001 noch sein Mandat behalten, aber dann sei Schluss mit Landespolitik. Zwölf Jahre saß er dann im Landtag, davon die letzten acht als Fraktionschef. Riskant ist Kuhns abrupter Wechsel von der landes- auf die bundespolitische Bühne vor allem für seine Grünen in Baden-Württemberg, was der Sprachwissenschaftler und Kommunikationsexperte natürlich nur zu gut weiß, auch wenn er alles dran setzt, Bedenken zu zerstreuen: "Wenn die Bundespartei in einer schlechten Verfassung ist, dann nutzt das ganze Strampeln im Ländle nichts", hat er sich als Hauptargument für den Weggang zurecht gelegt. Nein, natürlich habe er die Chance auf den Machtwechsel 2001 nicht verloren gegeben: "Ich glaube, wir können gewinnen, es ist ein offenes Rennen", fügt er fast beschwörend hinzu. Und dass er, der dem Landesverband ja versprochen hatte, 2001 wieder zur Verfügung zu stehen, "mit voller Power präsent" im Wahlkampf sein werde. Eine Stunde nach Kuhns gerade halbstündiger Pressekonferenz sind die mitregierenden Liberalen, die sich wieder Hoffnung auf Platz drei in der Wählergunst machen, als erste mit einer Reaktion auf dem Markt: "Die grünen Blütenträume für die Landtagswahl sind abgehakt." Schon abgehakt hat Kuhn den Fraktionsvorsitz, nächste, spätestens übernächste Woche soll über die Nachfolge entschieden werden. "Wir werden den Wechsel verkraften", sagt Kuhn. Dieter Salomon aus dem als bombensicher geltenden Wahlkreis Freiburg II wird als Favorit gehandelt.

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