Trump und Clinton streiten um die Opfer von Schusswaffen : Waffen-Märchen aus Amerika

In Wahljahren wird mehr über die USA berichtet - auch mehr Falsches. Zum Beispiel über die Entwicklung von Waffenbesitz und Mordraten. Ein Kommentar

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Waffen sind in den USA zu leicht erhältlich. Foto: dpa
Waffen sind in den USA zu leicht erhältlich.Foto: dpa

Wenn die Amerikaner ihren Präsidenten – oder ihre erste Präsidentin – wählen, wird im Ausland mehr über die USA berichtet. Führt vermehrtes Interesse auch zu mehr Wissen über Amerika oder verstärken sich eher die Klischees?

Von den Kandidaten ist wenig Hilfe zu erwarten. Sie wollen ihre Anhänger mobilisieren und appellieren gezielt an deren Vorurteile. Die angeblichen „Fakten“ in ihren Reden sind bestenfalls einseitig und häufig frei erfunden. Ein krasses Beispiel waren soeben die Auftritte Donald Trumps vor der Waffenlobby NRA (National Rifle Association) und Hillary Clintons vor den Müttern der Opfer von Polizeigewalt, dem Circle of Mothers der Trayvon Martin Foundation; sie ist benannt nach dem unbewaffneten 17-jährigen Schwarzen, den George Zimmerman, ein Nachbarschaftswächter hispanischer Abstammung, 2012 in Florida erschossen hatte.

Trump greift zu plumpen Lügen

Laut Donald Trump würde eine Präsidentin Hillary Clinton das Recht auf Waffenbesitz kassieren und rechtstreuen Bürgern ihre Waffen wegnehmen. Zudem wolle sie Gewaltverbrecher aus den Gefängnissen entlassen. Seine Darstellung mündete in einen Appell an weibliche Wähler, deren Stimmen Trump noch gewinnen muss: Der öffentliche Raum werde unsicherer, und Clinton sage „jeder Frau, die in einer gefährlichen Kommune lebt, dass sie kein Recht auf Selbstverteidigung hat“. Er wolle die Rechte der Waffenbesitzer ausdehnen. Wer eine Genehmigung für einen Staat der USA habe, solle die Waffe in alle 50 Staaten mitnehmen dürfen. Und, erneuter Appell an Mütter: Schulen sollten das Recht haben, Lehrer zu bewaffnen, damit die die Kinder vor einem Amokläufer schützen können.

Da stimmen weder die „Fakten“ noch die Interpretation; dazu gleich mehr. Aber natürlich erhielt Trump großen Beifall und die offizielle Unterstützung der NRA.

Clintons verdreht die Realität subtiler

Gegenauftritt Hillary Clinton am Tag darauf. Amerika erlebe „eine Epidemie an Verbrechen mit Schusswaffen“. Sie wolle die Backgroundchecks für Waffenkäufer verschärfen, Waffen aus den Schulen heraushalten und „das massenhafte Einsperren“ von Rechtsbrechern „beenden". Die Lebensaussichten schwarzer Jugendlicher beschrieb sie als „Pipeline von der Schule ins Gefängnis“. Man müsse „das Vertrauen zwischen Polizei und Gesellschaft wiederbeleben“.

Beide Spitzenkandidaten weichen in ihren Darstellungen weit von der Realität ab. Trump lügt plump. Clinton hat gar nicht vor, das Recht auf Waffenbesitz anzutasten; sie will nur die Auflagen verschärfen. Der Vorschlag, die Zahl der Gefängnisinsassen zu reduzieren, ist kein einsames Hillary-Vorhaben, sondern ein überparteilicher Plan, den auch republikanische Abgeordneten mittragen.

Die Mordrate steigt wieder: ein "Ferguson Effekt"?

Clinton verzerrt die Realität, indem sie nur die Aspekte erzählt, die ihr Publikum hören möchte. Ja, es gibt eine erschreckend hohe Zahl von Massakern in Schulen, Malls, Kinos, Kirchen. Aber die Gesamtzahl der Opfer von Schusswaffen steigt nicht; die mit Abstand häufigste Ursache ist Selbstmord (55 Prozent). Die Zahl der Mordopfer ist seit Jahrzehnten drastisch gesunken – bis 2014.

Seither steigt sie wieder. Unter Fachleuten wird diskutiert, ob es da einen „Ferguson Effekt“ gebe. In Ferguson, Missouri, hatte ein weißer Polizist im August 2014 den schwarzen Teenager Michael Brown erschossen. Nach dieser Theorie hat die breite Berichterstattung über extreme Fälle polizeilichen Fehlverhaltens zur Folge, dass viele Polizeichefs sich nicht mehr trauen, an der zuvor erfolgreichen Präventionsstrategie festzuhalten: rasches Eingreifen in Vierteln mit hohen Mordraten.

Amerikas Medien bemühen sich zwar, auf krasse Schwindeleien der Kandidaten hinzuweisen, sind aber nicht unparteiisch. Medien links der Mitte wie die „New York Times“ sind härter zu Trump; die rechts der Mitte wie das „Wall Street Journal“ härter zu Clinton. Ein Großteil der deutschen Medien zeigt eine Vorliebe für Clinton. Trumps Lügen werden entlarvt, Clintons Verbiegungen der Realität weniger.

Nur ein Drittel der Haushalte besitzt Waffen

Hinzu kommen eigenwillige Statistiken: „Die Zahl der Opfer von Schusswaffengewalt steigen seit Jahren“, heißt es in einem deutschen Agentur-Bericht, den viele Webseiten übernahmen, auch unsere. US-Medien wie die „Washington Post“ berichten das Gegenteil: Die Zahl sinkt seit Jahren. Oder: „Statistisch besitzen 90 Prozent der 320 Millionen US-Bürger eine Waffe.“ Tatsächlich trifft dies nur auf ein Drittel der US-Haushalte zu. Auch deren Zahl sinkt. Nur hat die Minderheit der Waffenbesitzer heute mehr Waffen, im Schnitt acht.

Die USA ein Land der Waffennarren, in dem immer mehr Menschen durch Schusswaffen sterben und immer mehr Haushalte Schusswaffen besitzen? So klingt das in vielen deutschen Medien. Das Gegenteil ist richtig: Die Zahl der Opfer sinkt, die Zahl der Haushalte mit Waffen sinkt. Und unter Obama ist der Ruf nach schärferen Gesetzen gewachsen: von 44 auf 55 Prozent. Noch halten es die Republikaner und ihre Wähler mit der NRA. Aber auch da werden sich die Mehrheiten im Kongress ändern.

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