Trumps Abschiebepläne : Amerikas Angst vor dem Fremden

Donald Trump will die "Dreamer", Kinder illegaler Einwanderer, nicht länger vor der Abschiebung schützen. Seine Feindlichkeit gegenüber Einwanderern setzt eine lange Tradition fort. Ein Kommentar.

Neal Rosendorf
Foto: Nelvin C. Cepeda San Diego Union-Tribune via ZUMA dpa

Wenn man, wie ich, ein amerikanischer Historiker ist, der direkt an der mexikanisch-amerikanischen Grenze lebt und arbeitet, dann ist Einwanderungspolitik auch eine persönliche Angelegenheit. Das gilt besonders für die Ankündigung der Trump-Regierung, das „Dreamer“-Programm zu beenden, das Menschen, die als Kinder illegal eingewandert sind, vor Abschiebung schützte.

Kaum hatte der amerikanische Justizminister Jeff Sessions die Entscheidung verkündet, stand meine Studentin Carla in meinem Büro – mit Tränen in den Augen. Carla (nicht ihr wirklicher Name) ist in der wachsenden mexikanischen Millionen-Einwohner-Stadt Ciudad Juárez, direkt gegenüber vom texanischen El Paso auf der anderen Seite der Grenze aufgewachsen. Sie hatte als Assistentin eines hochrangigen Politikers ihrer Heimatstadt gearbeitet, bevor sie ihr Masterprogramm in Internationalen Beziehungen unter meiner Leitung an der New Mexico State University (NMSU) in Las Cruces begann. Carla ist mit einem Amerikaner verheiratet und besitzt somit eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Sie ist daher sicher. Aber ihre beste Freundin, eine NMSU-Angestellte, ist eine nicht erfasste Migrantin – oder, in den Begriffen der Trump-Regierung, eine „illegale Fremde“, die als Kind in die USA kam und bisher durch das Dreamer-Programm vor einer Abschiebung geschützt wurde. Das ermöglichte ihr, einen Bachelor zu machen und zu arbeiten. Nun ist sie in Panik, dass sie und ihre Familie nach Ablauf der von Trump gewährten sechsmonatigen Gnadenfrist von der amerikanischen Einwanderungs- und Zollbehörde verhaftet und nach Mexiko abgeschoben werden – und Carla leidet mit ihr.

Vorurteile gegenüber Einwanderern haben Tradition

Ich versuche, so gut ich kann, Trost zu spenden. Aber als Historiker, der die Geschichte der amerikanischen Einwanderung lehrt, fällt es schwer, optimistisch zu bleiben. Die USA sind bekanntlich eine Nation, die durch Einwanderer aufgebaut wurde. Aber verflochten mit dieser Geschichte ist die schändliche Tradition, das jede neue Einwanderergeneration den Vorurteilen und der Diskriminierung der etablierten Bevölkerung ausgesetzt war. Der spätere Gründervater Benjamin Franklin war als Einwohner Philadelphias 1753 nicht frei davon. Obgleich schon damals ein stolzer Verleger und Autor mittleren Alters, berühmt für sein Pamphlet „Poor Richards Almanach“, dessen Ahnen vor seiner Geburt 1706 selbst aus England eingewandert waren, schrieb er 1753 über die einwandernden Deutschen: „Die, die nach Amerika kommen, sind generell die dümmsten und ignorantesten Vertreter ihrer eigenen Nation.“

Während die junge USA den langjährigen Import afrikanischer Sklaven fortsetzte, verabschiedete die neue amerikanische Regierung 1790 ein Einwanderungs- und Einbürgerungsgesetz, das festlegte, das "jeder fremden, weißen, freien Person erlaubt wird, Staatsbürger der USA zu werden". So wurde eine mächtige, rassisch geprägte Akzeptanzpolitik festgelegt. Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Iren nur auf dem Papier „Weiße", aus Sicht der Mehrheit der Bevölkerung, die aus englischen und schottischen Protestanten bestand, waren sie gefürchtet (katholisch!), dann die chinesischen Einwanderer. Die kamen über den Pazifik, eröffneten Läden, boten Dienstleistungen an und spielten eine Schlüsselrolle beim Bau der amerikanischen Eisenbahnen. 1882 stoppte ein Gesetz die legale Einwanderung von Chinesen für sechs Jahrzehnte. Die Tinte unter diesem Gesetz war noch nicht trocken, als Einwanderer aus Ost- und Südeuropa kamen, darunter Italiener, Polen, Slowaken, Griechen, Russisch Orthodoxe und Juden aus der Region – mehr als 24 Millionen zwischen 1880 und 1924, inklusive meiner Großeltern, Juden aus Wilna, der heutigen Hauptstadt Litauens. Dieser große Zustrom löste eine Anti-Einwanderungsbewegung aus, in deren Folge 1924 das Gesetz zur Begrenzung der Einwanderung verabschiedet wurde. Zusammen mit anderen Faktoren machte es später den europäischen Juden eine Flucht vor dem Holocaust in die USA fast unmöglich - Anne Frank's Vater Otto war nur einer von vielen, die vergeblich an die verschlossenen Tore der USA hämmerten. Das Gesetz war „wissenschaftlich“ rassistisch – hatte doch der Autor und Anwalt Madison Grant mit „Der Untergang der Großen Rasse“ (1916) ein Schlüsselargument geliefert, um „die Tür“ für nicht „nordische“ Einwanderer zu verschließen. Adolf Hitler bezeichnete Grants Buch als „meine Bibel“.

Trump verdreht die Fakten

Das Gesetz zur Begrenzung der Einwanderung wurde 1965 gestürzt, was eine Immigrationsbewegung aus Lateinamerika auslöste, sogleich begleitet von anti-hispanischen Ressentiments – „faul, gefährlich“ – die weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts nachhallten. Als Mexikaner und andere lateinamerikanische Einwanderer Eigenheime erwarben und sich „amerikanisierten“, unterschrieb der Republikaner Ronald Reagan 1986 eine „Amnestie“, die elf Millionen Menschen den Weg zur amerikanischen Staatsbürgerschaft öffnete.

Mit Trump beginnt wieder eine neue Phase: „Sie senden Menschen“, sagte er, „die viele Probleme haben, und sie bringen diese Probleme zu uns. Sie bringen Drogen. Sie bringen Kriminalität. Sie sind Vergewaltiger.“ Das ist faktisch falsch, besonders aus dem Blickwinkel eines Bürgers im Südwesten. El Paso, 85 Prozent hispanisch, ist eine der sichersten Städte in Amerika. Es gibt hier eine florierende (obere) Mittelschicht. Trotz des Grenzzauns und einer Mauer, die mit ihren rostigen Stahlplatten an manchen Stellen aussieht wie eine billige Kopie einer Skulptur von Richard Serra, ist die Region ein ökonomisch, kulturell und sozial integrierter „Borderplex“, mit einem täglichen Austausch von Menschen und Waren. Das ist die Realität – und nicht Jeff Sessions ausfällige Bezeichnung der Region als „Brückenkopf“ gegen eine angebliche Flut mexikanischer Gewaltkriminalität.

Wenn ich in dieser Woche an die New Mexiko State University zurückkehre und meinen Einführungskurs in amerikanischer Politik halte, wird meine Masterstudentin Carla mich als Tutorin unterstützen. Ich werde den Blick über meinen Kurs streifen lassen, über die mehr als hundert jungen Gesichter, mehr als die Hälfte von ihnen mit dunkler Haut und schwarzem Haar, und mich fragen, wie viele von ihnen betroffen sind, ob sie sich um ihre eigene Zukunft sorgen oder um die von Familie und Freunden. Die besonders gebeutelten Gesichter werden mir, und es tut mir Leid, das zu sagen, den Weg weisen.

Das Beste, was ich meinen Studierenden bieten kann, ist, ihnen zu sagen, dass politische Maßnahmen gegen die Einwanderung zwar für Jahrzehnte halten mögen, dass sie letztlich aber meist aufgehoben wurden, wenngleich das nicht den Generationen hilft, die rücksichtslos ausgeschlossen wurden aus Amerika und die man, im Falle der Juden während des Holocaust, zurückließ, so dass sie in den Händen der Nazis zu Grunde gingen.Ich kann ihnen den kühlen Komfort bieten, dass die Schmähungen, die sich nun gegen sie richten, nichts Neues sind. Ich erwarte nicht, dass sie dafür besonders dankbar sind.

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