Trumps Grenzschutzpläne : Die getrennten Staaten von Amerika

3200 Kilometer lang ist die Grenze zwischen den USA und Mexiko. Hier wird Identität verteidigt und Freiheit gesucht. Und gestorben. Eine Reportage.

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Links die USA, rechts Mexiko. Donald Trump will die Grenzbefestigung auf 3200 Kilometern ausweiten.
Links die USA, rechts Mexiko. Donald Trump will die Grenzbefestigung auf 3200 Kilometer ausweiten.Foto: Anna Sauerbrey

Durch das Insektennetz vor der Tür des Wohnwagens sieht Tim Foley die Sonne aufgehen. Der glühende Himmel durchringt die wellig gewordenen, grauen Maschen, Vögel zwitschern, Rocko, der Pitbull, hebt den Kopf. Tim Foley steckt seine Glock in das Halfter an seinem Gürtel und tritt hinaus. Der rote Staub vor dem Trailer leuchtet. Ein guter Tag für einen Erkundungsmarsch, nicht zu heiß. 34, 35 Grad sind für die Sonora-Wüste vorhergesagt. Foley betrachtet die karge Landschaft. Irgendwo da draußen, eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, beginnt Mexiko.

Foley ist Ende fünfzig, vom Wetter alterslos gegerbt. Ein sehniger Typ, Arme und Hals sind tätowiert, doch seine Haut ist so dunkel, die Motive sind nicht mehr zu erkennen. Er schüttet Hundefutter in eine Metallschüssel, füllt eine zweite mit Wasser, klopft dem Pitbull auf die Flanken. Nächsten Freitag erwartet er ein Dutzend Freiwillige zu einer „Operation“ des „Arizona Border Recon“, der „Grenzaufklärung Arizona“. Tim Foley hat „AZBR“ 2010 gegründet. Auf der Webseite heißt es, die Gruppe stelle „Wissen und Sicherheitsdienste in Partnerschaft mit dem US-Grenzschutz“ zur Verfügung. In der Nachbarschaft sagen die Leute, Tim Foley sei Chef einer Miliz, die in der Wüste schwer bewaffnet Jagd auf Migranten macht, um sie dann den staatlichen Grenzschützern zu übergeben. Außerdem sei er verrückt.

Nach dem Frühstück, um 9.15 Uhr, steigt Foley in einen weißen Pick-up- Truck. Er will heute ein bergiges Gebiet südwestlich von Arivaca erkunden, der letzten Siedlung vor der Grenze. Er will herausfinden, ob die Kartelle, die in der Wüstenregion zwischen dem mexikanischen Bundesstaat Sonora und dem amerikanischen Bundesstaat Arizona Menschen über die Grenze schleusen, neue Routen nutzen.

Donald Trump will an der Grenze eine Mauer bauen. In der Sonora wird um die amerikanische Identität gerungen

3200 Kilometer lang ist die amerikanisch-mexikanische Grenze. Sie verläuft von der texanischen Golfküste bis nach San Diego, Kalifornien. Fast die Hälfte des Weges von Ost nach West, quer über den amerikanischen Kontinent, folgt sie dem Rio Grande, der wie eine natürliche Grenzbefestigung wirkt. Von der Stadt El Paso in Texas bis zum Pazifik führt sie durch Wüstengebiete. Entlang dieser Strecke stehen schon heute rund 1200 Kilometer Zaun, allerdings nicht durchgängig. In Pima County, wo Tim Foley lebt, also in der Region um die Großstadt Tucson in Arizona, ist die Grenze auf 120 Kilometern nicht mit Bauwerken gesichert. Einige der Hauptrouten illegaler Einwanderer in die Vereinigten Staaten führen durch das County.

Grenzgänger in der Sonora-Wüste
Tim Foley, Gründer der Arizona Border Recon, einer Grenzschutzmiliz.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Anna Sauerbrey/Tsp
10.11.2017 21:47Tim Foley, Gründer der Arizona Border Recon, einer Grenzschutzmiliz.

Hier und im texanischen Teil der Grenze gibt es auch die meisten Todesfälle. 239 Tote registrierten die Vereinten Nationen in den ersten sieben Monaten dieses Jahres an der amerikanisch-mexikanischen Grenze insgesamt. In Pima County allein kamen bis Ende Juli 96 Menschen ums Leben, bei dem Versuch, die Sonora-Wüste zu durchqueren. Drei bis fünf Tage dauert der Fußmarsch. Natürliche Wasserquellen gibt es außerhalb der Monsunmonate keine.

Hier also will Donald Trump eine Mauer bauen - die bestehenden Zäune ersetzen, die Lücken schließen. Noch immer hat der Kongress Trump kein Geld dafür bewilligt. Dennoch wurden in San Diego in diesen Tagen acht Prototypen fertiggestellt. „Schön“ und „groß“ soll die Mauer sein, sagt Trump, sie solle das Land schützen, vor Zuwanderung in den Arbeitsmarkt, vor kulturellem Wandel, vor Drogen und Kriminalität. Für seine Gegner ist das Projekt absurde Pseudo- Politik und ein Sinnbild für den neuen amerikanischen Isolationismus. Die Mauer ist zum Symbol geworden - für den Kampf um die Identität der Vereinigten Staaten.

Tim Foley will die Identität seines Landes bewahren. Rebecca Fowler will das Sterben verhindern. Lazaro sucht den amerikanischen Traum

Das ist die Geschichte von drei Menschen, die in der Sonora-Wüste um ihr jeweils ganz eigenes Amerika ringen. Tim Foley will die Identität seines Landes bewahren, indem er es auf eigene Faust gegen Neuankömmlinge verteidigt. Rebecca Fowler sucht das großherzige Einwanderungsland, das Sterben an seiner Grenze nicht zulässt. Und Lazaro macht sich aus Mexiko auf den Weg auf der Suche nach dem großen amerikanischen Traum: Freiheit und Wohlstand für alle.

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Kurz nachdem Lazaro losgegangen ist, postet er in kurzer Folge zwei Bilder auf Facebook: Das eine zeigt einen unwirklich leuchtenden Weg aus rotem Staub in der Morgendämmerung, das andere zwei miteinander verwachsene Saguaro-Kakteen. Es sieht aus, als lege der eine dem anderen die Hand auf die Schulter und lasse sich durch die Wüste führen. Dann steigt die Sonne höher. Lazaro vergisst Facebook.

Er stammt aus Santa Cruz, einer Großstadt im Süden Mexikos und ist 19 Jahre alt. Sein Nachname soll unerwähnt bleiben - mit dem illegalen Grenzübertritt macht er sich strafbar. Losgelaufen ist er in der Nähe von Nogales, einer mexikanischen Grenzstadt. Er will nach Tucson. Um das Grenzgebiet betreten zu können, hat Lazaro in Nogales eine „Gebühr“ von 800 Dollar an das Schlepperkartell entrichtet, das die Gegend kontrolliert. Ein begleiteter Grenzübertritt mit einem „Koyoten“, einem mit GPS-Gerät ausgerüsteten Schlepper, hätte 2000 Dollar gekostet. Nach Schätzungen der Border Patrol liegt der Preis für die Passage entlang der Südwestgrenze der USA zwischen 1500 und 9000 Dollar.

Am Morgen des zweiten Tages, es dämmert, geht ihnen das Wasser aus

Auf der mexikanischen Seite, kurz vor der Grenze, trifft Lazaro zwei Ureinwohner des Stammes der Tohono O'odham. Ein Teil des Stammes lebt auf der mexikanischen, ein Teil auf der amerikanischen Seite der Grenze. Die beiden Männer wollen nach Norden durch die Wüste in den amerikanischen Teil des Stammesgebietes und bieten Lazaro an, sich ihnen anzuschließen. Sie gehen einen Tag und eine Nacht, ohne zu schlafen. Sie essen und trinken im Gehen. Einmal, in der Nacht, hören sie ein Brummen. Der Pfad führt an einem Flutlichtstrahler vorbei, der an einen Bewegungsmelder angeschlossen ist. Ein Generator versorgt die Anlage mit Strom. Einer von Lazaros neuen Freunden robbt sich heran und schaltet das Gerät aus. Das Brummen verstummt. Am Morgen des zweiten Tages, es dämmert, geht ihnen das Wasser aus.

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Rebecca Fowler schaltet in den Vierradantrieb, biegt auf eine Sandpiste ab und verflucht einen Klempner. Seit drei Tagen schläft sie jetzt schon bei einer Bekannten auf der Couch, weil der Handwerker nicht fertig wird. Fowler hat ihr schulterlanges, grau-blondes Haar zu einem Zopf gebunden. Auf der Rückbank des roten Jeeps lauschen Sarah, Bryan und Frank schweigend der Tirade. Sarah ist 62, eine pensionierte Krankenschwester. Bryan ist um die 30. Er trägt einen Schnurrbart und einen Cowboyhut und betreibt in Tucson zwei hippe Bars. Frank ist Umweltwissenschaftler im Ruhestand. Er ist erst vor Kurzem aus Tennessee nach Tucson gezogen, um in der Nähe seiner Tochter zu wohnen.

Es ist acht Uhr morgens. Um sechs Uhr sind die vier von Tucson aus in die Wüste aufgebrochen. Jetzt, am Ende einer langen Fahrt über immer kleinere Landstraßen und Sandpisten, stoppt Fowler den Jeep vor einem Stacheldrahtzaun. Sie und die anderen sind Aktivisten der Tucson Samaritans, einer Hilfsorganisation, die entlang der unzähligen Pfade und Wege der Migranten durch die Wüste Wassercontainer und Pakete mit Essen ablegen, um das Sterben zu verhindern.

Die Tucson Samaritans bringen Wasser in die Wüste, um das Sterben zu verhindern

Fowler, Sarah, Bryan und Frank nehmen Kanister mit Wasser aus dem Kofferraum. Sarah biegt den Stacheldraht auseinander und die anderen ducken sich hindurch. Hinter dem Zaun liegt eine sandige Ebene, Büsche mit nackten, dornigen Zweigen, Kakteen, eine Viehtränke. Unter einem schütteren Baum mit kurzem, knorrigem Stamm liegen leere Konservendosen und etwa ein Dutzend schwarze Wasserkanister auf dem Boden. „Das hier ist ein Abholplatz“, sagt Fowler. „Hier warten die Migranten auf die Fahrer der Kartelle. Kommt, schauen wir, ob hier irgendjemand ist.“

Ein Kolibri fliegt auf. Einen Augenblick lang steht der winzige Vogel wie eine surrende Drohne über der Gruppe. Dann huscht er davon. Fowler wischt sich den Schweiß von der Stirn. Unter einem Busch blitzt etwas Weißes auf. Im Schatten dorniger Zweige liegen große Knochen. Das bare Skelett ist von der Sonne gebleicht. Rebecca deutet auf einen unterarmlangen Kieferknochen. „Nur eine Kuh“, sagt sie.

Vor ein paar Jahren hat Rebecca einmal nicht weit von hier einen menschlichen Schädel in einem Straßengraben gefunden. Der Rest des Körpers blieb verschwunden. „Hier ist niemand“, sagt Sarah. „Gehen wir zurück zum Wagen.“

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Einen halben Tag lang folgt Tim Foley einem trockenen Bachbett hangaufwärts. In den Monsunmonaten Juli und August regnet es heftig. Die Wüste erblüht und das Wasser wäscht tiefe Gräben ins Erdreich. Ist der Regen vorbei, bleiben nur Kies und Geröll. Sie bilden natürliche Schneisen durch das dornige Dickicht und sind die Wege der Migranten. Dieses Bachbett ist offenbar tatsächlich eine neue Route, wird Foley später erzählen. „Habe ein paar von den Schuhen gefunden, die sie verwenden“, breite Überschuhe aus Stoff, mit Teppichstücken als Sohle. Sie hinterlassen auf Staub und Sand kaum Spuren.

Wenn Foley über das spricht, was die Freiwilligen seiner „Grenzaufklärung“ tun, sagt er: „Ich verstehe das als ein Spiel, das die Regeln dreier Spiele vereint. Das erste ist Verstecken'. Das zweite, wenn wir wissen, wo sie sind, ist Schach - ich nutze meine Figuren, um sie zu blocken. Das dritte ist Whac-A-Mole.“ Whac-A-Mole ist ein Spielhallen- und Computerspiel, bei dem Maulwurfsfiguren nach zufälligem Muster aus Löchern schauen und wieder verschwinden. Ziel des Spiels ist es, möglichst viele mit einem Holzhammer auf den Kopf zu treffen.

Als sei ihm klar, wie sich das anhört, fügt Foley hinzu, Gewalt wolle er unbedingt vermeiden. Bei der Auswahl seiner Leute sei er sehr sorgfältig. Alle, die an einer seiner Operationen teilnehmen wollen, müssen sich per Online-Formular bewerben und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Keiner dürfe seine Waffe auf die Migranten richten, die sie „festsetzen“. „Reicht, wenn die die Waffen sehen.“ Viele der Freiwilligen, sagt Foley, kämen mit AR-15s - mit halbautomatischen Gewehren. Foley sagt, die Gruppe würde jedes Jahr etwa 100 Migranten an den US-Grenzschutz übergeben.

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Obwohl sie kein Wasser mehr haben, gehen Lazaro und seine Freunde weiter. Irgendwann finden sie eine Viehtränke. Vorsichtig nähert sich Lazaro der Wasserstelle. Dann sieht er den Hund. Das Tier sitzt im Schatten eines Busches. Die Border Patrol hat ihn hier zurückgelassen, in dem Wissen, dass die Migranten irgendwann Wasser brauchen. Um den Hals trägt das Tier ein elektrisches Gerät, vielleicht eine Kamera oder ein Mikrofon. Irgendwo in der Nähe, auf einer Staubpiste, sitzen die Beamten in ihrem klimatisierten Geländewagen und warten, dass der Hund anschlägt.

Lazaro schaut den Hund an. Der Hund schaut zurück

Lazaro schaut den Hund an. Der Hund schaut zurück. Lazaro taucht einen Kanister ins Wasser. Der Hund beobachtet, wie er Wasser schöpft und langsam zurück zu seinen Freunden geht. „Er hat mich gehen lassen“, wird Lazaro später sagen.

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Von der Hügelkuppe aus betrachtet, im Gegenlicht, sehen die rostbraunen Metallstreben des Zauns aus wie ein Riss in der weiten, menschenleeren Ebene. Am Fuße des Hügels, den Rebecca Fowler und die anderen auf ihrer zweiten Wasserwanderung an diesem Tag erklettert haben, endet der Zaun im Nichts. Hier irgendwo in der Nähe, nur wenige Kilometer vom Grenzübergang Sasabe, beginnt das Reservat der Tohono O'odham, die weitgehende Autonomierechte über das Gebiet haben und Grenzbauten ablehnen.

Ein angenehmer Wind streicht an der Flanke des Hügels entlang. Ocotillo-Sträucher recken ihre Finger hoch in den Himmel; graue, dornige Äste, die direkt aus dem Grund wachsen. Der Wind bauscht Fowlers weiße Bluse und greift unter die Krempe ihres Sonnenhuts. Wie sie ihn so festhält, in all dem wehenden Weiß, erinnert sie an Monets „Frau mit Sonnenschirm“, eine französische Dame im amerikanischen Südwesten, seltsam deplatziert.

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