Truppenabzug : Im Irak übernimmt die Angst das Kommando

Die US-Kampftruppen verlassen den Irak – mitten in einer Welle gezielter Morde und Entführungen. US-Präsident Obama ist dennoch entschlossen, seine Kampftruppen in zwei Wochen endgültig aus dem Irak abzuziehen.

Martin Gehle
Im Angesicht des Terrors. Ein irakischer Polizist bewacht einen Kontrollpunkt in Bagdad.
Im Angesicht des Terrors. Ein irakischer Polizist bewacht einen Kontrollpunkt in Bagdad.Foto: AFP

Die Täter kamen kurz nach Mitternacht. Erst töteten sie die Eltern und eine Tante, dann zwangen sie die beiden Kinder, Soldaten von der nahe gelegenen Straßensperre um Hilfe zu rufen. Kaum war der irakische Trupp herbeigeeilt, entkamen die Terroristen durch die Hintertür und sprengten das verminte Haus über den Köpfen der Sicherheitskräfte in die Luft. Acht starben, vier wurden verwundet. Solche teuflischen Hinterhalte sind im Irak keine Einzelfälle. Die bekannte Chefärztin der Al-Alwiya-Geburtsklinik wurde morgens in ihrer Wohnung im Zentrum von Bagdad überfallen und vor den Augen ihres Mannes hingerichtet, den die Mörder an einen Stuhl gefesselt hatten. Im noblen Stadtteil Mansour pflanzten Al-Qaida-Kämpfer nach einem tödlichen Überfall auf fünf Polizisten sogar ihre schwarze Fahne an deren Checkpoint auf.

Ungeachtet dessen ist US-Präsident Barack Obama entschlossen, seine Kampftruppen in zwei Wochen endgültig aus dem Irak abzuziehen. Zurück bleiben 50 000 Mann, die noch bis Ende 2011 die irakische Seite ausbilden und trainieren. Nicht nur im Volk, auch bei der irakischen Armeespitze wachsen derweil die Zweifel, ob das einheimische Militär mit den immer tückischer vorgehenden Al- Qaida-Terroristen alleine fertig werden kann. So forderte Bagdads Oberbefehlshaber General Babaker Zebari, die Amerikaner müssten mindestens bis 2020 im Land bleiben. Selbst der frühere Außenminister und Saddam-Getreue Tarek Aziz meldete sich aus seiner Gefängniszelle zu Wort und warf Obama vor, er werfe mit seinem übereilten Abzug „den Irak den Wölfen vor“.

Denn eine Welle gezielter Morde, Entführungen und Überfälle erschüttert das Land. Goldhändler im Basar von Bagdad wurden exekutiert, sogar die irakische Zentralbank überfallen und angezündet. Niemand ist mehr sicher vor den Killerkommandos, die nachts mit schallgedämpften Pistolen kommen und kleine magnetische Sprengladungen an Haustüren, Gartentoren oder unter Autos platzieren. Wahllos trifft es Familien von Politikern, Polizisten, Scheichs, gemäßigten Klerikern, Offizieren oder Ärzten. Jeder, der für den irakischen Staat arbeitet und sich für demokratische Verhältnisse einsetzt, gilt als Ziel. „Wir lebten wie in einem Gefängnis“, sagt ein pensionierter Mathematiklehrer, der zusammen mit Frau und Tochter ins jordanische Amman geflohen ist. „Die Gefahr ist überall und überhaupt nicht greifbar.“ Die Flucht sei der Familie sehr schwergefallen. „Aber wir haben es nicht mehr ausgehalten, so konnten wir einfach nicht weiterleben.“

Denn auch mit der politischen Situation geht es bergab. Fünf Monate nach den Wahlen ist immer noch keine neue Regierung in Sicht. Das Parlament hat sich nach einer einzigen zwanzigminütigen Sitzung auf unbestimmte Zeit vertagt. Die beiden Hauptrivalen, Ex-Premier Iyad Allawi und der bisherige Regierungschef Nuri al Maliki, sind hoffnungslos zerstritten. Und wie politische Insider versichern, hat es zwischen beiden Lagern bisher keine ernsthaften Verhandlungen gegeben.

Washington dagegen gibt sich ungerührt optimistisch. „Der Irak ist auf dem richtigen Weg“, heißt es aus dem Weißen Haus. Die US-Militärführung vor Ort beharrt darauf, dass Al Qaida entscheidend geschwächt sei. Und Vizepräsident Jo Biden versuchte bei seiner letzten Visite in Bagdad, die beiden Kontrahenten zu einer Regierung der nationalen Einheit zu überreden – ohne Erfolg. Trotzdem scheinen die Fronten etwas in Bewegung zu geraten. Im Maliki-Lager wird die Kritik an dem halsstarrigen Premier lauter. Die von ihm eilig nach der Wahl gezimmerte Kombifraktion mit den religiösen Schiiten der „Irakischen Nationalallianz“ ist wieder zerbrochen. Es werde nur dann weitere Verhandlungen geben, wenn Maliki seine Kandidatur aufgebe, heißt es aus deren Reihen. Und im überkonfessionellen Allawi-Lager sucht man offenbar nach einem Kompromisskandidaten. Die besten Chancen hat Adil Abdul-Mahdi, einer der beiden bisherigen Vizepräsidenten. Der 68-jährige Wirtschaftswissenschaftler stammt aus einer alteingesessenen arabisch-schiitischen Familie und wurde in Bagdad von Jesuiten erzogen. Er liegt den Kurden, gilt als pragmatisch und auch für Sunniten akzeptabel. Um sich zum nächsten Regierungschef wählen zu lassen, bräuchte er aber mindestens ein Dutzend abtrünnige Stimmen aus Malikis „Allianz für den Rechtsstaat“. Ob dieses politische Roulette gelingt, wird sich frühestens im Herbst zeigen – nach dem Ende des Ramadan.

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