Truppenaufstockung : Obama hat noch kein Rezept

Die Forderung von US-General Stanley McChrystal nach mehr Truppen für Afghanistan ist von der US-Regierung mit Zurückhaltung aufgenommen worden. Präsident Barack Obama, sein Verteidigungsminister und seine Außenministerin reagierten skeptisch.

Michael Schmidt

Berlin„Das Land ist kriegsmüde“, sagte Obama in David Lettermans Late-Night- Show des US-Fernsehsenders CBS und trug damit jüngsten Umfragen Rechnung, wonach eine Rekordzahl von 58 Prozent der US-Bürger gegen den Krieg in Afghanistan sind. Er wolle erst nach einer Überarbeitung der Strategie für Afghanistan über die Entsendung zusätzlicher Soldaten entscheiden. Das „Wall Street Journal“ berichtete unter Berufung auf hochrangige Pentagon-Mitarbeiter, auch US-Verteidigungsminister Robert Gates habe McChrystal aufgefordert, die Anforderung zusätzlicher Truppen zurückzuhalten, bis die Regierung ihre Afghanistanstrategie überprüft habe. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte, sie respektiere die Einschätzung des Oberkommandierenden der US- und Nato-Truppen in Afghanistan. Es gebe jedoch Analysen anderer ausgewiesener Militärfachleute, die zur Bekämpfung von Aufständischen in Afghanistan „genau das Gegenteil“ empfehlen würden. Die US-Regierung werde nun alle Angaben „ohne ideologische Vorurteile“ prüfen und gewichten. Der afghanische Präsident Hamid Karsai unterstützte McChrystals Forderungen. Er hob besonders die Erwähnung eines besseren Schutzes für die Zivilbevölkerung hervor.

Die „Washington Post“ hatte zuvor Auszüge aus dem internen Lagebericht veröffentlicht. Darin warnt McChrystal vor einer Niederlage im Kampf gegen die Taliban, sollten die etwa 100 000 in Afghanistan stationierten Isaf-Soldaten nicht aufgestockt werden. Ohne neue Soldaten könne der Kampf gegen die Taliban innerhalb von nur einem Jahr verloren werden.

Für Josef Braml von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin ist das Zeitfenster der Militärs vor Ort das eine. Das andere sei: Auch Obama laufe die Zeit davon, weil die Unterstützung durch die Bevölkerung schwinde und ihm seine Parteigänger zunehmend von der Fahne gingen – „für den Afghanistaneinsatz erfährt der Präsident inzwischen unter den Republikanern mehr Zuspruch als in den Reihen der Demokraten“.

Aus der Sicht des Militärs sei die Forderung „durchaus sinnvoll“, sagte Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network. Womöglich komme sie aber zu spät, um das Vertrauen der Afghanen tatsächlich zurückzugewinnen. Zu oft schon habe man der Bevölkerung mehr Schutz versprochen, zu oft schon habe die Nato selbst Schaden angerichtet – und zu groß sei der Druck, zu wirksam die Drohungen der Taliban gegen alle, die mit Ausländern zusammenarbeiteten.

Die wichtigste Aufgabe sei nicht die Vertreibung von Al Qaida. Im Zentrum des internationalen Engagements müsse vielmehr der Kampf gegen die Aufständischen stehen – und eine gute Regierung. „Es geht darum, die afghanische Regierung zu befähigen, das zu tun, was man von einer Regierung erwartet: Sicherheit herzustellen und Entwicklungsbedingungen zu schaffen“, sagte Ruttig. Das sei in den vergangenen Jahren nicht einfacher geworden. Auf den unteren Regierungsebenen arbeiteten nicht immer die bestausgebildetsten Fachleute – dafür sei nicht zuletzt auch Karsai verantwortlich. Der Präsident habe viele Posten mit Verbündeten besetzt, „weil Beziehungen am Ende wichtiger sind als Befähigung“. Hinzu käme, dass „man mit Beratern und Ausbildern in viele Gebiete inzwischen gar nicht mehr gehen“ könne, weil sie von Taliban kontrolliert würden. mit AFP

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