Tschad-Affäre : Sarkozys peinliche Befreiungsaktion

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy bringt die ersten Europäer, denen Kindesentführung vorgeworfen wurde, aus dem Tschad zurück in die Heimat. Die hübschen Bilder der Freigelassenen gaukeln einen Erfolg vor, der eigentlich keiner ist.

Ulrike Koltermann[dpa]
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Der französische Präsident Sarkozy und der tschadische Präsident Deby (beide im Hintergrund) haben verhandelt. Sieben Europäer...Foto: AFP

ParisErschöpft und erleichtert wirkten die Gesichter der drei französischen Journalisten und vier spanischen Stewardessen auf den ersten Bildern, nach Tagen in tschadischer Haft. Die Affäre um den verhinderten Transport angeblicher Waisenkinder aus dem Tschad nach Frankreich ist mit der Freilassung der sieben Europäer noch nicht beendet. Sechs Mitarbeiter der umstrittenen Hilfsorganisation Arche de Zoé und drei Piloten sitzen noch immer wegen Kindesentführung in Haft. Etwa 90 Kinder, die eine Familie haben, warten darauf, dass ihre Eltern ausfindig gemacht werden. Unterdessen steht der französische Präsident Nicolas Sarkozy als Befreier da - obwohl die französische Regierung nach Ansicht von Kritikern in der Affäre ein eher jämmerliches Bild abgegeben hat.

Es ist das zweite Mal innerhalb weniger Monate, dass Frankreich sich auf unkonventionelle Weise um die Befreiung von Europäern in afrikanischen Staaten mit zweifelhaften Justizsystemen kümmert. Im Juli hatte Sarkozy seine damalige Ehefrau Cécilia nach Libyen geschickt, wo bulgarischen Krankenschwestern ein Todesurteil wegen der Infizierung libyscher Kinder mit dem HI-Virus drohte. Die Krankenschwestern kamen frei, Cécilia wurde erst gefeiert, dann kritisiert, und mittlerweile ist sie von Sarkozy geschieden - was allerdings nichts mit den Krankenschwestern zu tun hat.

Sarkozy machte die Angelegenheit zur Chefsache

Dieses Mal reiste Sarkozy selbst in den Tschad - nachdem Außenminister Bernard Kouchner sich tagelang nicht öffentlich zu der Affäre geäußert und das Thema der unerfahrenen Staatssekretärin Rama Yade überlassen hat. Die hübschen Bilder der Freigelassenen gaukeln einen Erfolg vor, der eigentlich keiner ist. Auch dem tschadischen Präsidenten Idriss Deby dürfte klar gewesen sein, dass sich die Anklage gegen die Journalisten und die Besatzung des Flugzeuges kaum aufrecht halten lassen würde. Noch ist nicht klar, ob er auch einer Auslieferung der übrigen Verdächtigen an die französische Justiz zustimmt.

Französische Medien haben in den vergangenen Tagen dokumentiert, dass die Regierung sehr früh über die geplante Aktion informiert war. Eric Breteau, der Chef von Arche de Zoé, wurde mehrmals im Außenministerium empfangen. Als er sich uneinsichtig zeigte, wurde die französische Justiz eingeschaltet. Die Botschaften im Tschad und im Nachbarland Sudan sollen ebenfalls informiert gewesen sein. In der ehemaligen Kolonie Tschad sind etwa 1000 französische Soldaten stationiert. Der französische Geheimdienst dürfte dort ebenfalls gut vertreten sein.

Tschadischer Präsident könnte Affäre für sich nutzen

Und dennoch konnten die Mitglieder von Arche de Zoé ihre Aktion wochenlang ungehindert vorbereiten. Es sieht so aus, als ob es ausreichte, den Namen ihrer Organisation zu ändern, um alle von ihrer Spur abzubringen. "Wir haben die tschadischen Behörden rechtzeitig informiert, der Tschad ist ein souveränes Land", betonte der Regierungssprecher. Bis dahin hatte es Arche de Zoé allerdings schon geschafft, mehr als 100 Kinder aus ihren Dörfern zu holen. Die Frage bleibt offen, warum sie niemand früher daran gehindert hat.

Die politischen Auswirkungen der Affäre sind noch nicht absehbar. Der tschadische Präsident wird vermutlich sein Bestes tun, um von der Situation zu profitieren. Wenn er den Europäern Unrecht vorwirft, stärkt er seine Stellung im eigenen Land. Es scheint auch nicht ausgeschlossen, dass er den von ihm unerwünschten Einsatz einer EU-Truppe im Osten des Landes diskret an neue Bedingungen knüpft.

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