Tschad : Französische Organisation hat Angst vor Al Qaida

Die französische Hilfsorganisation "Arche de Zoé" wollte 103 Kinder in einer geheimen Mission aus dem afrikanischen Tschad ausfliegen. Die Folge: Den Franzosen wird jetzt vorgeworfen, "kleine Muslime dem Islam zu entziehen". Für radikale Muslime ist das ein todeswürdiges Verbrechen.

Hans-Hermann Nikolei[dpa]

ParisEin überraschendes Ausgehverbot durchkreuzte den Evakuierungsplan: In einer nächtlichen Geheimaktion wollte die französische Organisation Arche de Zoé 103 afrikanische Kinder aus dem Tschad ausfliegen. Alles war von langer Hand vorbereitet. Ein früherer Sabena-Pilot sollte die Kinder mit einer Boeing 757 von Abéché nach Vatry 160 Kilometer östlich von Paris fliegen. Über den Flughafen Abéché nahe der sudanesischen Bürgerkriegsregion Darfur wacht das französische Militär. Doch dann musste der Flug wegen des Ausgehverbotes um ein paar Stunden verschoben werden.

Der Konvoi mit den Kindern zwischen einem und neun Jahren wurde auf dem Weg zum Flughafen gestoppt. Acht Helfer - darunter der Arche- de-Zoé-Präsident Eric Breteau - und ein mitreisender Pressefotograf landeten im Gefängnis von Abéché. Jetzt geht bei Hilfsorganisationen die Angst um. Denn der Gouverneur Osttschads warf den Franzosen im Rundfunk vor, "kleine Muslime dem Islam entziehen" zu wollen. Für radikale Muslime ist das ein todeswürdiges Verbrechen, viel schlimmer als Kinderhandel.

"Wir wollten die Kinder nur vor dem Tod retten", erklärt Stéphanie Lefebvre, Generalsekretärin von Arche de Zoé. Die Organisation wurde während der Tsunami-Katastrophe von französischen Feuerwehrleuten und anderen Helfern gegründet und hat ihre Tätigkeit von Ostasien nach Afrika verlagert. In Abéché wollte sie mit Genehmigung des Tschads ein Kinderzentrum einrichten. Doch schon seit Monaten war offenbar auch das Ausfliegen von Kindern geplant. Vergeblich warnten das Pariser Außenministerium und andere Hilfsorganisationen davor.

Yade legt sich mit sudanischen Machthabern an

Die Pariser Staatssekretärin für Menschenrechte, Rama Yade, die selbst aus Schwarzafrika stammt, nannte die Aktion "illegal und unverantwortlich". Yade engagiert sich stark in der Darfurhilfe. Erst vor wenigen Tagen hatte die mutige junge Frau in der westsudanesischen Krisenregion Flüchtlingslager besucht und sich dabei heftig mit den sudanischen Machthabern angelegt, die sie mit Stammestänzen begrüßen wollten. Jetzt hat Yade die Justiz wegen des Verdachts des Kinderhandels eingeschaltet. Denn die Familien, die die Kinder aufnehmen wollten, sollen je 2800 bis 6000 Euro gezahlt haben. Allerdings soll nach Informationen des "Parisien" alleine die Miete für das Flugzeug 145.000 Euro gekostet haben.

Lefebvre weist den Vorwurf des Kinderhandels zurück. "Wir haben einen Pauschbetrag von 2400 Euro festgelegt, doch nicht alle haben so viel gezahlt. Einige haben 50 Euro gegeben, andere 800", sagt sie. Es sei auch nicht um Adoption gegangen, sondern um Rettung der Kinder. Viele Aufnahmefamilien fühlen sich jetzt von Paris im Stich gelassen. Das Außenministerium habe der Aktion nicht immer so feindlich gegenübergestanden, heißt es.

Blicke richten sich auf Darfur

Eines hat Arche de Zoé auf jeden Fall erreicht: die Scheinwerfer wieder auf das Elend in Darfur und dem tschadischen Grenzgebiet zu richten. Etwa zwei bis drei Millionen Flüchtlinge soll es dort geben, davon die Hälfte Kinder. Von hunderttausenden Toten ist die Rede, was vom Sudan allerdings bestritten wird. Der Konflikt macht an der Grenze nicht halt. Auch im Osten des Tschads irren Menschen auf der Suche nach Hilfe umher, und es gibt viele Flüchtlingslager. (mit dpa)
 

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